„Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.
Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“
(Richard von Weizsäcker)
Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Für Deutschland bedeutete dieser Tag die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Lange Zeit war dieses Datum in der deutschen Erinnerung vor allem mit Niederlage, Scham und Schuld besetzt. Erst Richard von Weizsäcker, damals Bundespräsident, sprach 1985 in einer Weise darüber, die mein eigenes Verständnis dieses historischen Tages grundlegend geprägt hat: Er nannte ihn einen „Tag der Befreiung“.
Im Jahr 2025 jährt sich diese Rede zum 40. Mal. Für mich ist sie nach wie vor ein zentraler Bezugspunkt politischer Verantwortung und historischer Reflexion. Gerade in einer Zeit, in der das europäische Miteinander infrage steht und sich wieder nationale Tendenzen der Abschottung zeigen, sind Weizsäckers Worte aktueller denn je.
Ein neues Verständnis von Geschichte
Was mich besonders beeindruckt, ist die Klarheit, mit der Weizsäcker das NS-Regime als ein Unrechtsregime benennt – und der Mut, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu deuten. Diese Perspektive rückte das Gedenken weg von einer reinen Betrachtung nationaler Niederlage hin zu einem Bekenntnis zur Verantwortung – und zur Sichtweise der Opfer.
Weizsäcker sprach die zentrale Einsicht aus: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Ich halte das für einen der wichtigsten Sätze in der politischen Bildung. Denn ohne eine reflektierte Auseinandersetzung mit unserer Geschichte können wir keine zukunftsfähige Gesellschaft gestalten.
Erinnerungskultur als politisches Handeln
Weizsäcker trat nicht als moralischer Ankläger auf. Vielmehr verstand er sich als Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Seine Rede war durchdrungen von dem Versuch, historische Wahrheit mit moralischer Integrität zu verbinden – und das in einer Sprache, die weder belehrt noch beschämt.
In einer Gegenwart, in der kollektive Erinnerung oft durch Empörungsmechanismen ersetzt wird, erscheint mir dieser Ansatz besonders wertvoll. Erinnerung ist für mich keine rein akademische Übung, sondern ein aktiver Prozess in vielen Bereichen und auf vielen Ebenen: eine Auseinandersetzung, die ethische Orientierung stiftet und politisches Urteilsvermögen stärkt. Diese soll meiner Meinung nach in Familien ebenso stattfinden wir in Schulen und Hochschulen, im Arbeitsumfeld wie auch den Bereichen des freiwilligen Engagements oder den Trägern der inneren und der äußeren Sicherheit.
Demokratie und Europa: Wertegemeinschaft statt Zweckbündnis
Richard von Weizsäcker war ein überzeugter Christdemokrat und zugleich ein leidenschaftlicher Europäer. Seine Rede stellt nicht nur ein Bekenntnis zur deutschen Demokratie dar, sondern auch zur europäischen Idee. Der Frieden in Europa – so sein implizites Argument – ist kein historischer Automatismus, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen, institutioneller Arbeit und gegenseitiger Achtung.
Heute sehen wir: Diese Errungenschaften stehen unter Druck. Populismus, geopolitische Konflikte und ein erschüttertes Vertrauen in die europäischen Institutionen gefährden die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Weizsäckers Rede erinnert mich daran, dass Europa mehr ist als Binnenmarkt und Bürokratie – es ist ein Friedensprojekt, geboren aus den Trümmern zweier Weltkriege.
Zwei Leitgedanken für die politische Kultur
Wenn ich heute auf diese Rede blicke, dann sind es vor allem zwei Gedanken, die ich als bleibend wichtig empfinde:
Erstens: Die Kraft der Wahrheit. Weizsäcker sprach offen und klar von Schuld und Verantwortung. Doch er tat dies in einer Weise, die zur Selbstverantwortung ermutigt und nicht in kollektiver Selbstverachtung mündet. Diese Fähigkeit zur differenzierten Auseinandersetzung ist im politischen Diskurs unserer Zeit rar geworden – und deshalb umso nötiger.
Zweitens: Die Bedeutung der historischen Erinnerung. Weizsäcker zeigt, dass Vergangenheit nicht abgeschlossen ist. Sie wirkt fort – nicht nur als Last, sondern auch als Lernfeld. Der 8. Mai ist für mich ein Anlass, über historische Kontinuitäten und Brüche nachzudenken – und darüber, wie wir als politische Gemeinschaft daraus Konsequenzen ziehen.
Ein Beitrag zur Überwindung von Spaltung
Weizsäckers Rede war für mich nie eine bloße Vergangenheitsbewältigung. Sie war ein Angebot zum Dialog – über Schuld, Verantwortung, Versöhnung und Zukunft. Sie stellt nicht die Schuldfrage an Einzelne, sondern formuliert ein gemeinsames Ethos politischer Reife.
Angesichts zunehmender Polarisierung und identitätspolitischer Zuspitzung brauchen wir solche Stimmen: differenziert, verbindlich, klärend. Sie leisten einen Beitrag zur politischen Kultur, die weder in Lagerdenken erstarrt noch historische Schuld relativiert.
Mein Resümee: Politische Verantwortung bleibt zentral
Der 8. Mai ist für mich mehr als ein historischer Gedenktag. Er ist ein Prüfstein für die politische Gegenwart. Richard von Weizsäckers Rede hat mir gezeigt, dass wir unsere Geschichte weder verklären noch verdrängen dürfen – sondern dass aus ihr ein Auftrag erwächst: für Demokratie, Menschenwürde und ein friedliches Europa.
Als Christ, als Demokrat, als Europäer sehe ich in dieser Rede eine bleibende Orientierung. Sie fordert uns auf, über unser historisches Erbe nicht nur zu reden, sondern daraus zu handeln. Denn Geschichte endet nicht mit dem Rückblick – sie beginnt mit dem, was wir aus ihr machen.
In einer Zeit wachsender Unsicherheit und schwindender Selbstverständlichkeiten hilft mir die Klarheit und Weitsicht dieser Worte, standzuhalten – und politisch Verantwortung zu übernehmen, jenseits von Parolen und Schuldzuweisungen.
Weizsäckers Rede ist für mich ein Lehrstück in staatsbürgerlicher Ethik – und ein Angebot, das Nachdenken wieder zum Teil des öffentlichen Lebens zu machen.
Hier ist die vollständige Rede zu finden: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Richard-von-Weizsaecker/Reden/1985/05/19850508_Rede.html
Hier ist ein Artikel auf Wikipedia zur Rede: https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_40._Jahrestag_der_Beendigung_des_Krieges_in_Europa_und_der_nationalsozialistischen_Gewaltherrschaft
