Ein persönlicher Blick auf Vertrauen, Wirklichkeit und das, was trägt.
In den letzten Jahren erlebe ich immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Nicht weil sie dümmer oder unaufmerksamer geworden wären (beides sind sie nicht!) – sondern weil sie sich schlicht und einfach nicht mehr sicher sind, wem sie (noch) glauben können. In Gesprächen mit Freunden, im Alltag, in Diskussionen oder in den verschiedenen Medien: Die Frage nach der Wahrheit stellt sich heute drängender denn je!
Was ist verlässlich? Was ist echt? Und was ist lediglich Meinung, Empörung, Manipulation?
Der öffentliche Diskurs hat sich verändert. Es geht längst nicht mehr nur um unterschiedliche Ansichten – oft geht es um unterschiedliche Wirklichkeiten. Personen sehen dieselben Ereignisse, ziehen aber vollkommen gegensätzliche Schlüsse daraus. Nicht selten, weil sie ihren eigenen und oft unterschiedlichen Quellen vertrauen – oder ganz anderen Erzählungen folgen.
Lange galt Wahrheit als das möglichst genaue Abbild der Wirklichkeit. Als das, was sich mit Fakten belegen lässt. Doch diese Vorstellung allein reicht nicht mehr aus. Das, was als wahr empfunden wird, hängt heute oft davon ab, ob es Orientierung gibt, ob es Sicherheit vermittelt, ob es sich in das eigene Weltbild einfügt. Wahrheit wird nicht mehr allein an ihrer Begründung gemessen, sondern auch sehr klar an ihrer Wirkung.
Ich beobachte: Was hilft, was trägt, was sich als „funktionierend“ erweist, wird oft für glaubwürdiger gehalten als das, was nur theoretisch korrekt ist. Dieser Wandel beunruhigt. Er öffnet der Beliebigkeit Tür und Tor – gleichzeitig spiegelt er aber auch eine tiefe menschliche Sehnsucht wider: den Wunsch, dass Wahrheit mehr sei als die bloß nüchterne Analyse eines Faktenchecks.
Der Niedergang einer Erzählung: Fortschritt ohne Vertrauen
Unsere westliche Gesellschaft hat lange auf eine große Erzählung gebaut: den Fortschritt. Bildung, Technik, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft – all das waren Säulen einer gemeinsamen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Erzählung hat uns über Jahrzehnte hinweg getragen, auch durch Krisen hindurch. Mittlerweile hat sie allerdings ihre Kraft verloren.
Immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt, überfordert oder enttäuscht. Die Zukunft erscheint nicht mehr verheißungsvoll, sondern bedrohlich. Statt Aufstieg erleben viele Unsicherheit oder Angst vor dem Abstieg. Statt Wohlstand erleben Sie Druck. Statt globaler Gerechtigkeit erleben Sie Ohnmacht.
In dieser Lage wirken einfache Antworten plötzlich verführerisch: die Rückkehr zu einem idealisierten „Führer“, den es so nie gegeben hat. Rechte und linke radikale populistische Erzählungen und ihre Protagonisten greifen diesen Wunsch auf und Versprechen: wenn wir uns von einer globalisierten Welt zurückziehen oder auf der Grundlage unserer eigenen Ideologie eine Welt bauen, wird wieder gut, was aus dem Ruder gelaufen ist.
Diese Rückbesinnung auf die Vergangenheit ersetzt das Fortschrittsversprechen durch Nostalgie und politische Ideologie erweist sich als Phantasie. Sie lenken vom eigentlichen Problem ab: das Wahrheit nicht mehr gemeinsam im gesellschaftlichen Diskurs ausgehandelt, sondern individuell oder als Interessengruppe konstruiert wird.
Wenn Wahrheit zerfällt – was bleibt dann?
Viele Menschen erleben derzeit, wie die gewohnten Gewissheiten bröckeln. Doch der Zerfall einer Wahrheit bedeutet nicht, dass es keine Wahrheit gibt. Im Gegenteil: Er fordert uns heraus, eine neue Form von Wahrheit zu finden – eine, die nicht nur informiert oder für eine Sache einnimmt, sondern vertrauensvoll verbindet. Wahrheit, die eben nicht nur abstrakt richtig ist, sondern darüber hinaus auch lebensnah glaubwürdig und praxistauglich.
Wahrheit ist für mich deshalb kein starres Konzept, sondern eine Beziehungswirklichkeit. Sie entsteht dort, wo Menschen sich aufeinander verlassen können. Wo Reden und Handeln übereinstimmen. Wo das, was gesagt wird, nicht nur zutrifft, sondern auch getragen ist von Respekt, Verantwortung und Integrität.
Deshalb glaube ich: In einer verunsicherten Gesellschaft wie unserer kommt es nicht nur darauf an, Recht zu behalten – sondern glaubwürdig zu sein und zu bleiben. Wer anderen etwas sagen oder auch vorschreiben will, muss ihnen auch zuhören wollen. Wahrheit braucht Vertrauen. Vertrauen braucht eine neue Kultur der Ehrlichkeit – jenseits von politisch linken oder rechten Ideologien, Empörungsmechanismen und Selbstinszenierungen.
Im nächsten Artikel gehe ich der Frage nach, wie Wahrheit ganz konkret im Alltag gelebt werden kann, welche Rolle vertrauen dabei spielt und warum Freiheit und Wahrheit zwei Seiten derselben Medaille sind.
