(Artikel I zum Thema Kirche) Eine persönliche Gedankensammlung.
Eine Bemerkung vorweg:
Viel wurde und wird über die Kirche geschrieben. Wie sie zu sein hat, was sie zu machen hat, wen sie zu erreichen hat, für wen sie sich einzusetzen hat, was in der Vergangenheit schlecht war und wie damit umzugehen ist. Erwartungen von Menschen an Menschen auf allen Ebenen und in allen Bereichen – von der lokalen Gemeinde über die Leitungsebenen von Bistümern in die Bischofskonferenz und auf die akademische Ebene verschiedener Fakultäten und Hochschulen und ihrer Institute hin in Ordensgemeinschaften, dann in Vereinen und Verbänden oder caritativen Einrichtungen und so weiter – sind in großer Zahl vorhanden und werden (teils deutlich und massiv) geäußert. In diesem Artikel möchte ich meine Beobachtungen, Eindrücke und Schlüsse darlegen und vielleicht auch hier und da eine bewertende Aussage machen oder eine Position einnehmen. Damit möchte ich niemanden verletzen. Vielmehr möchte ich einen – sicher kleinen! – Beitrag zum Diskurs über die Perspektiven unserer Kirchen leisten und zum Nachdenken anregen, einfach weil sie mir wichtig ist. Trotz und mit allem! Also, los geht´s …
Säkularisierung als Herausforderung
Säkularisierung – die Entkopplung von Religion und gesellschaftlichem Leben – gehört zu den Phänomenen, die unsere Gesellschaft und Kirche in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben wie kaum ein anderes. Ich erlebe es täglich: in Gesprächen mit Gemeindemitgliedern, in der Seelsorge aber auch beim Blick in Statistiken. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche verzeichnen in Deutschland einen sehr deutlichen Mitgliederschwund. Immer mehr Menschen treten aus oder identifizieren sich gar nicht mehr mit einer religiösen Gemeinschaft. (1)
Warum ist das so? Meiner Beobachtung nach hängt dies stark damit zusammen, dass der Glaube, wie ihn die Kirche vermittelt, für viele Menschen im Alltag wenig greifbar ist und die Kirche als Institution wenig Anerkennung findet und der Wunsch nach persönlicher Freiheit ist stärker, als traditionellen Institutionen wie der Kirche einen festen Platz im Leben einzuräumen. Außerdem kommt dazu, dass die Kirche oft starr wirkt, wenig flexibel mit wenig Raum für persönliche spirituelle Erfahrungen und Entwicklungen. In unserer Gesellschaft, die von Tempo, Technik und permanenter Kommunikation geprägt ist, erscheint sie vielen wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten – eine Institution, die mit den Themen der Gegenwart schwer Schritt halten kann.
Zwischen Krise und Chance
Trotz dieser Entwicklungen spüre ich jedoch auch eine wachsende Sehnsucht nach Sinn, Orientierung und Spiritualität. Viele Menschen wenden sich Achtsamkeitsübungen, Meditation oder alternativen Formen von Spiritualität zu – in der Regel außerhalb traditioneller kirchlicher Strukturen. Und doch sehe ich hier eine echte Chance: die Kirche kann neu zu einem Ort der Begegnung, des Dialogs und der Erfahrung werden.
Der reformierte Geistliche Christian Walti, Pfarrer am Züricher Großmünster, bringt es treffend auf den Punkt: die Kirche kann viel von der Gastronomie lernen. Ein gutes Restaurant ist ein Ort, an dem man sich willkommen fühlt, in einer Atmosphäre, in der Gastfreundschaft und Erlebnis zusammenkommen. So könnte auch die Kirche Menschen ansprechen – nicht nur mit Predigten, sondern als Raum indem sich Menschen treffen und spirituell, emotional und sozial begegnen. (2)
Kirche als Ort der Begegnung
Die Aufgaben sind groß: Vertrauensverlust durch Skandale, die Entfremdung vieler Menschen von kirchlichen Strukturen, die Frage nach der Relevanz des Glaubens in unserem durchtechnisierten Zeitalter. Doch gerade in dieser Situation sehne ich mich – und viele andere Menschen auch – nach Gemeinschaft, Orientierung und ethischer Führung. Hier liegt die Chance, die Kirche nicht als lediglich religiöse Institution, sondern als aktiven gesellschaftlichen Akteur zu verstehen.
Entscheidend ist für mich: Begegnung und Dialog gehören ins Zentrum der Überlegungen für eine Kirche, die in unsere Gesellschaft mit ihren Themen passt. Dabei geht es nicht um Themen oder Denkweisen, die gerade en vogue sind, laut, schrill oder dem gerade aktuellen Zeitgeist entsprechen. Ich denke, dass es eher zur Kirche passt, überlegt und durchdacht und mit einem eigenen weiten geistigen Horizont Themen zu durchdenken und anzugehen. So ist die Kirche ein Ort, in dem Menschen mit ihrer ganzen Persönlichkeit angesprochen werden – geistig, sozial, ethisch und letztlich auch geistlich, also vom Glauben an Gott her. Dazu gehört echte Offenheit: neue Formen des Miteinanders, flexible Angebote und das bewusste Ansprechen individueller Bedürfnisse.
Ein Blick nach vorne: Eine offene und inklusive Kirche
Die Zukunft der Kirche wird davon abhängen, wie sie ihre Aufgaben neu – und damit anders als in der Vergangenheit – definiert. Es geht nicht allein um den Verlust von Mitgliedern – der wird sich fortsetzen! Viel wichtiger ist, dass die Kirche als Ort der Begegnung, der Hilfe und der spirituellen Erfüllung wahrgenommen wird.
Dabei muss sie weltoffen bleiben, auf die Herausforderungen der Gegenwart flexibel reagieren und zugleich ihre ethische und spirituelle Tradition bewahren. Die Kirche ist mehr als ein Begleiter in der individuellen religiösen Praxis: sie kann eine Stimme in gesellschaftlichen Debatten sein – zu sozialer Gerechtigkeit, Umweltschutz oder gesellschaftlichem Frieden. Und umgekehrt ist die Kirche mehr als ein gesellschaftlicher Akteur und Interessenvertreter verschiedener Gruppen und ihrer Sichtweisen. Sie ist eben auch und sehr klar Begleiterin in Fragen des Glaubens. Was hier paradox klingt hat eine klare Logik: Themen von (zum Beispiel) gesellschaftlicher Relevanz werden auch auf dem Fundament, dass der Glaube mit sich bringt, gedeutet und gleichzeitig sollen sich im Glauben diese Themen wiederfinden. So ist der Glaube nicht separiert als ein eigenes Phantasiegebilde, sondern praktisch relevant.
Dies alles gelingt nach meiner Auffassung allerdings nur, wenn die Kirche bereit ist, ihre bisherigen Denk und Herangehensweisen zu hinterfragen, sich den Problemen der jeweiligen Gegenwart stellt und ihre Rolle in einer sich sehr stark verändernden Welt klar definiert. Dies halte ich für eine wichtige Aufgabe für alle, die in der Kirche engagiert sind und ich empfehle allen, den Glauben (und damit auch die Kirche) als Teil ihres Lebens zu verstehen: nutzen wir dies als Chance – für Begegnung, Dialog und auch die Suche nach spiritueller Erfüllung.
Quellen und weiterführende Links:
(1)
oder
https://www.ekd.de/kmu-kirchenmitgliedschaftsuntersuchung-75049.htm
(letzter Aufruf vom 13. August 2025)
(2)
(letzter Aufruf vom 13. August 2025)
