Eine persönliche Betrachtung zur Debattenkultur in unserer Gesellschaft.

Seit einigen Jahren beobachte ich mit wachsender Sorge eine Entwicklung, die unsere Gesellschaft auf eine harte Probe stellt. Sie kommt nicht von außen, nicht durch äußere Bedrohungen, sondern aus unserer eigenen Mitte. Eine kleine und lautstarke Strömung erhebt den Anspruch, so etwas wie das einzig wahre Moralverständnis zu vertreten. Oft wird sie unter dem Schlagwort „woke“ zusammengefaßt. Auf den ersten Blick wirkt dieses Engagement für Gerechtigkeit, Vielfalt und Respekt gut und richtig. Bei genauerem Hinsehen jedoch entpuppt es sich als Gefahr – nicht für die Werte, die es vorgeblich zu verteidigen gilt, sondern für die Grundlagen unserer freiheitlich demokratischen Kultur: für Meinungsfreiheit, Pluralität und den offenen und fairen Austausch unterschiedlicher Positionen.

Moral als Maßstab – und als Waffe

Auf Moral können wir nicht verzichten. Ohne moralische Maßstäbe kann kein Gemeinwesen bestehen. Gefährlich wird es aber, wenn Moral nicht mehr Orientierung gibt, sondern Druck ausübt. Genau dies beobachte ich zunehmend: In der Politik, den Medien, in der Wissenschaft und vor allem in sozialen Netzwerken wird Moral immer häufiger als Waffe eingesetzt. Wer nicht einer vorgegebenen Linie folgt, wird nicht einfach nur kritisiert, sondern stigmatisiert und ausgegrenzt.

Das zeigt sich insbesondere bei Themen wie dem Klima, der Geschlechterpolitik oder unserer Sprache und Ihrem Gebrauch. Wer nicht jede Forderung mitträgt, wird schnell zum „Klimaleugner“, ein “Transfeind“ oder gleich ein „Rechter“. Unabhängig davon, wie differenziert oder gut begründet seine Argumente sind, wird er moralisch abgewertet.

Genau darin liegt das Problem: eine Demokratie lebt davon, das unterschiedliche Positionen nebeneinander stehen dürfen – nicht im Sinne eines belanglosen Nebeneinanders, sondern in einem freien und fairen Wettstreit der Argumente, auf die es letztlich ankommt. Dieser Wettstreit setzt voraus, dass wir einander zuhören, auch wenn wir nicht einer Meinung sind. Oft wird jedoch in eine bestimmte festgelegte Richtung die Moral so überbetont, dass der Dialog stirbt.

Eine neue Intoleranz im Namen der Toleranz

Besonders irritierend finde ich die Doppelmoral, die ich in dieser Bewegung durchaus wahrnehme. Da wird von Toleranz gesprochen – aber anderen Meinungen wird kein Platz eingeräumt. Da wird Respekt gefordert – aber Andersdenkenden schlägt offene Verachtung entgegen.

Dies zeigt sich – nach dem, was ich beobachte – besonders deutlich an den Universitäten. Ursprünglich waren sie Orte des freien Denkens, heute kommt es mir so vor, dass sich Dozenten und Studierende selbst zensieren. Bestimmte Forschungsthemen gelten als „toxisch“, kritische Fragen als „problematisch“. Wer sie dennoch stellt, muss mit Shitstorms, Ausgrenzung oder sogar beruflichen Konsequenzen rechnen. In diesem geistigen Klima schweigen viele lieber – aus Angst vor öffentlicher Diffamierung. Doch eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Meinung nicht mehr frei äußern können, ist keine freie Gesellschaft mehr.

Von der Debatte zur Empörungskultur

Die Folge ist eine schleichende Veränderung unserer demokratischen Kultur. Es geht nicht mehr darum, mit guten Argumenten zu überzeugen, sondern darum, moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Wer auf der „richtigen“ Seite steht, gehört zu den „Guten“. Wer nicht, fällt durch.

Das vergiftet den Diskurs und erzeugt Angst. Angst davor, etwas Falsches zu sagen. Angst, ausgegrenzt zu werden. Angst vor beruflichen oder gesellschaftlichen Konsequenzen. Diese Angst führt zur Selbstzensur – und dadurch bestimmen nur noch wenige, besonders laute Stimmen den Ton und den Inhalt dessen, was gesagt werden kann. Das Ergebnis ist eine Verengung des gesellschaftlichen Dialogs.

Doch eine Demokratie, die nur noch eine einzige akzeptierte Meinung zulässt, ist keine Demokratie mehr. Sie wird zur Ideologie.

Was wir brauchen: Mut zur Gelassenheit

Ich bin überzeugt: Wir müssen zurückfinden zu einer Kultur der ehrlichen Debatte. Nicht jeder Widerspruch ist ein Angriff. Nicht jede abweichende Meinung ist böse. Und nicht jede moralische Empörung ist gerechtfertigt. 

Wir brauchen die Tapferkeit, strittige und komplexe Themen offen zu diskutieren. Wir müssen einander zuhören und nicht sofort verurteilen. Wir sollten anerkennen, dass es unterschiedliche Lebenswelten, Überzeugungen und Argumente gibt, die – sofern sie einem demokratischen Rechtsstaat entsprechen – alle ihren Platz haben.

Demokratie lebt vom Wettstreit der Ideen. Wenn aber lediglich nur eine Sichtweise als moralisch akzeptabel gilt, stirbt dieser Rechtsstreit – und mit ihm die Demokratie selbst. Unsere grundlegenden Werte verteidigen wir nämlich eben nicht mit moralischem Druck, sondern mit Überzeugungskraft. Nicht mitten Diffamierung, sondern mit Argumenten. Nicht mit Empörung, sondern mit Dialog.

Pluralismus braucht Reife

Eine offene Gesellschaft braucht Reife und Respekt. Kritik ist notwendig – auch harte Kritik. Aber sie muss fair bleiben. Sie darf nicht zur moralischen Herabsetzung oder gar Vernichtung des Gegenübers führen. Wir müssen lernen, wieder zu unterscheiden zwischen einer echten Grundmoral und ideologischer Moralisierung.

Nur dann können wir das Vertrauen in unsere demokratische Ordnung bewahren. Nur dann bleibt unsere Gesellschaft offen, plural und frei.

Was ich mir wünsche, ist eine Rückkehr zur Gelassenheit. Mit Mut zur Debatte, mit Respekt vor dem Andersdenkenden und mit der Überzeugung, dass Freiheit mehr bedeutet als die Zustimmung zu einer vorherrschenden Meinung. Nur in einer solchen Gesellschaft kann echte Vielfalt wachsen – eine Vielfalt, die letztlich nicht trennt, sondern verbindet.