(Artikel II zum Thema Kirche) Eine persönliche Gedankensammlung.

Eine Bemerkung vorweg:

Viel wurde und wird über die Kirche geschrieben. Wie sie zu sein hat, was sie zu machen hat, wen sie zu erreichen hat, für wen sie sich einzusetzen hat, was in der Vergangenheit schlecht war und wie damit umzugehen ist. Erwartungen von Menschen an Menschen auf allen Ebenen und in allen Bereichen – von der lokalen Gemeinde über die Leitungsebenen von Bistümern in die Bischofskonferenz und auf die akademische Ebene verschiedener Fakultäten und Hochschulen und ihrer Institute hin in Ordensgemeinschaften, dann in Vereinen und Verbänden oder caritativen Einrichtungen und so weiter – sind in großer Zahl vorhanden und werden (teils deutlich und massiv) geäußert. In diesem Artikel möchte ich meine Beobachtungen, Eindrücke und Schlüsse darlegen und vielleicht auch hier und da eine bewertende Aussage machen oder eine Position einnehmen. Damit möchte ich niemanden verletzen. Vielmehr möchte ich einen – sicher kleinen! – Beitrag zum Diskurs über die Perspektiven unserer Kirchen leisten und zum Nachdenken anregen, einfach weil sie mir wichtig ist. Trotz und mit allem! Also, los geht´s …

Der Glaube ist seit jeher ein zentraler Bestandteil unserer westlichen Kultur. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich der religiöse Horizont vieler westlicher Gesellschaften stark verändert – so jedenfalls mein Eindruck. Die Zahl derjenigen, die sich als religiös bezeichnen und zum Beispiel regelmäßig an Gottesdiensten oder am religiösen Leben in Gemeinden oder Gruppen teilnehmen, ist in vielen Ländern, einschließlich Deutschland, stark zurückgegangen. Es stellt sich die Frage: Was ist mit dem Glauben in einer westlich geprägten Gesellschaft passiert? Handelt es sich um einen Rückgang der religiösen Bedeutung, oder erleben wir einen Übergang zu einer neuen Art der Spiritualität?

Säkularisierung und die Transformation des Glaubens

Die westliche Welt befindet sich mitten in einem Prozess der Säkularisierung, der die Trennung von Kirche und Staat sowie eine Abnahme der religiösen Praxis und Bedeutung in vielen Bereichen des Lebens umfasst. Laut aktuellen Umfragen sind immer weniger Menschen in Deutschland und anderen westlichen Ländern Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Die Zahlen sind alarmierend: Allein im Jahr 2023 sind über 750.000 Menschen aus den beiden großen Kirchen in Deutschland ausgetreten – ein Trend, der sich über die letzten Jahre hinweg immer weiter verstärkt hat. (1) (2) (3)

Dieser Rückgang der Kirchenmitgliedschaft ist das Ergebnis eines sehr tiefgreifenden Wandels in der Gesellschaft. Die Menschen sind zunehmend auf der Suche nach individuellen Formen des Glaubens und der Spiritualität. Die traditionellen religiösen Strukturen bieten vielen keine Orientierung mehr. Stattdessen wenden sich immer mehr Menschen spirituellen Praktiken zu, die weniger an institutionalisierte Religion gebunden sind. Meditationskurse, Achtsamkeit und persönliche spirituelle Erfahrungen gewinnen zunehmend an Bedeutung, während traditionelle Gottesdienste und religiöse Rituale weniger frequentiert werden. Darüber hinaus gibt es in unserer Gesellschaft eine aktuell größer werdende Gruppe, die überhaupt keine Religiosität betreibt und diese sowie den religiösen Glauben an sich auch nicht braucht. Er fehlt ihnen auch nicht und sie suchen ihn nicht. 

Die Bedeutung von Glaube und Spiritualität in einer digitalen Welt

Ein bedeutender Faktor, der diesen Wandel beeinflusst, ist der Einfluss der digitalen Welt. Die Verbreitung von Social Media, Streaming-Diensten und digitalen Plattformen hat das Leben der Menschen revolutioniert. In einer zunehmend vernetzten Welt haben die Menschen rund um die Uhr Zugang zu Informationen und Unterhaltung. Das schnelle Tempo und die ständige Verfügbarkeit von Inhalten schaffen jedoch eine Umgebung, die es vielen erschwert, sich mit tiefergehenden spirituellen Fragen auseinanderzusetzen.

Die Kirche, die sich traditionell auf religiöse Rituale, Gottesdienste und die Gemeinschaft der Gläubigen stützte, hat es schwer, mit dieser neuen Art von Informationsflut Schritt zu halten. Viele Menschen fühlen sich von der Vielzahl an Optionen und Ablenkungen überfordert und tun sich schwer, sich auf traditionelle Formen der Religiosität einzulassen. Doch obwohl die Kirche mit der Geschwindigkeit des digitalen Wandels kämpft, gibt es auch hier eine Chance: Das Internet bietet eine Plattform, auf der neue Formen der spirituellen Kommunikation und Gemeinschaft entstehen können. Die Frage, wie Kirche und Glaube im digitalen Zeitalter relevant bleiben können, stellt sich mehr denn je. Ich persönlich finde sie sogar spannend und wichtig. In diesem Bereich öffnen sich tatsächlich Chancen, wenn die Angebote gut gemacht und für die Konsumenten annehmbar sind.

Neue Formen der Religiosität: Spiritualität ohne Institution

Die Säkularisierung in der westlichen Welt bedeutet demnach nicht, dass das Bedürfnis nach Sinn und spiritueller Erfahrung verschwunden ist. Ganz im Gegenteil: Viele Menschen suchen nach einem tieferen Verständnis ihrer Existenz, nach Antworten auf fundamentale Fragen des Lebens und nach Wegen, mit den Herausforderungen des modernen Lebens umzugehen. Doch anstatt dies in traditionellen Kirchen zu suchen, wenden sich viele Menschen alternativen spirituellen Praktiken zu.

Das Angebot an solchen spirituellen Praktiken ist vielfältig: Von Yoga über Achtsamkeitstraining bis hin zu interreligiösen Begegnungen suchen immer mehr Menschen Wege, ihre Spiritualität zu leben – ganz unabhängig von einer bestimmten religiösen Institution. Diese Entwicklung ist insbesondere bei jüngeren Generationen deutlich zu beobachten. Statt sich auf feste Dogmen zu stützen, suchen viele nach einer flexiblen, persönlichen Form der Spiritualität, die sich leicht in ihren Lebensstil integrieren lässt.

Dieser Trend ist – so vermute ich – ein Phänomen der westlichen Welt. Der Wunsch nach einer persönlichen, selbstbestimmten Spiritualität wächst vereinzelt. Doch was bedeutet das für die Kirche? Ist die Zukunft des Glaubens in einer westlich geprägten Gesellschaft eine Frage der Individualisierung und der Ablösung von institutionellen Rahmenbedingungen?

Glaube als Gemeinschaft: Die Rolle der Kirche im Wandel

Trotz der zunehmenden Individualisierung des Glaubens bleibt die Bedeutung der Gemeinschaft ein zentraler Aspekt. Menschen suchen weiterhin nach einem Ort der Zugehörigkeit, an dem sie sich mit anderen über tiefere Lebensfragen austauschen können. Dies ist eine der größten Chancen für die Kirche, sich in der modernen Gesellschaft neu zu positionieren.

Die Kirche als Institution hat sich über Jahrhunderte hinweg als Gemeinschaft verstanden – als Ort der Zusammenkunft, des Gebets, der gegenseitigen Unterstützung und des Dialogs. Auch wenn viele Menschen heute weniger regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen, bleibt der Wunsch nach Gemeinschaft und spiritueller Unterstützung bestehen. Die Frage ist, wie die Kirche diesen Bedürfnissen gerecht werden kann, ohne in den traditionellen Formen von Gottesdiensten und Ritualen zu verharren.

Die katholische Kirche könnte von denjenigen, die in anderen spirituellen Bereichen aktiv sind, lernen, wie man Gemeinschaften in einer flexiblen und inklusiven Weise aufbaut. Dies bedeutet, mehr Raum für persönliche spirituelle Erfahrungen zu schaffen, ohne die Bedeutung der Gemeinschaft und der gemeinsamen Werte aus den Augen zu verlieren. Die Kirche könnte als Ort dienen, an dem Menschen nicht nur eine Religion, sondern auch eine offene, dialogische Gemeinschaft finden, die sich mit den Herausforderungen des modernen Lebens auseinandersetzt.

Der Glaube der Zukunft: Welche Perspektiven gibt es?

Die Frage nach der Zukunft des Glaubens in der westlichen Welt ist nicht einfach zu beantworten. Wird der Glaube weiterhin eine zentrale Rolle in der Gesellschaft spielen oder wird er zunehmend bedeutungsloser werden? Es scheint, als ob die westliche Gesellschaft insgesamt sich immer mehr von traditionellen religiösen Strukturen entfernt (obwohl gerade traditionelle und konservative Kreise stärker werden), während gleichzeitig neue Formen der Spiritualität entstehen. Doch auch wenn der Weg des traditionellen Glaubens steinig scheint, gibt es immer noch eine tiefe Sehnsucht nach einer spirituellen Orientierung und nach der Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen.

Die Kirche muss sich diesen Herausforderungen stellen, indem sie ihre Rolle als Ort der Begegnung und des Dialogs stärker betont. Sie muss sich öffnen für neue Formen des Glaubens, die den modernen Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dabei wird es wichtig sein, den spirituellen Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, ohne den festen ethischen und theologischen Rahmen, der die Kirche ausmacht, zu verlieren.

Die Kirche der Zukunft wird eine sein, die sich nicht nur als Institution versteht, sondern als lebendige Gemeinschaft, die den Glauben und die Spiritualität in die heutige Zeit trägt. Sie wird eine Institution sein, die die traditionellen Werte bewahrt und gleichzeitig offen ist für neue, kreative Wege, wie der Glaube im modernen Leben verwirklicht werden kann.

Quellen und weiterführende Links:

(1)

https://kmu.ekd.de

oder

https://www.ekd.de/kmu-kirchenmitgliedschaftsuntersuchung-75049.htm

(letzter Aufruf vom 13. August 2025)

(2)

https://www.katholisch.de/artikel/54323-weniger-kirchenaustritte-als-im-vorjahr-aber-zweithoechster-wert

(letzter Aufruf vom 26. August 2025

(3)

https://www.sueddeutsche.de/politik/evangelische-kirche-kirchenaustritte-mitgliederzahlen-2023-1.6838060

(letzter Aufruf vom 26. August 2025)