Ein persönlicher Standpunkt.

Wenn ich über die Frage nachdenke, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, dann stoße ich immer wieder auf einen Begriff: Toleranz. Wir benutzen ihn so selbstverständlich, dass er ganz leicht zu einem Schlagwort verkommt. Doch Toleranz an sich ist kein Selbstläufer. Sie kostet Kraft, Sie verlangt etwas von mir, und – ja! – sie fordert mich auch heraus. Aber genau darin liegt ihre Stärke: Sie macht ein wirklich gutes Zusammenleben möglich.

Toleranz bedeutet für mich nicht einfach, dass ich Dinge „aushalte“ oder schweigend ertrage, die mir fremd sind oder ich sogar ablehne. Es geht vielmehr darum, dass ich lerne, Unterschiede anzunehmen und sie in meinen Alltag zu integrieren, ohne meinen eigenen Standpunkt aufzugeben.

Mein Standpunkt als Grundlage

Ich bin überzeugt: Echte Toleranz kann nur dort entstehen, wo Menschen wissen, wer sie sind und wofür Sie stehen. Wer keinen Halt in sich trägt, wird in der Vielfalt leicht verunsichert oder sogar überfordert.

Für mich liegt dieser Halt zuallererst in meinem Glauben. Als Christ weiß ich mich getragen von einer Lehre, die den Menschen in seiner Würde ernst nimmt und die Vielfalt der Schöpfung Gottes anerkennt. Daraus erwächst für mich ein Fundament, auf dem ich stehe.

Dazu kommt meine politische Grundhaltung: weltoffen und zugleich moderat konservativ, also verankert in einem Bewusstsein für Tradition und Verantwortung, zugleich allerdings offen für Entwicklungen und den Dialog mit anderen. Diese Haltung erlaubt mir, nicht bei mir selbst stehen zu bleiben, sondern auch die Überzeugungen anderer ernst zu nehmen. 

Unterschiede aushalten – und gestalten

Wenn ich mit Menschen spreche, die eine ganz andere Weltanschauung haben als ich, dann spüre ich – das gebe ich zu – manchmal Reibung. Es wäre bequemer, diese Begegnungen zu meiden. Doch gerade in der Auseinandersetzung jung lerne ich: die Welt ist größer als mein eigener Horizont. 

Toleranz bedeutet in diesem Sinne, Unterschiede nicht nur zu ertragen, sondern sie kreativ zu gestalten. Ich bleibe meinem Standpunkt treu, aber ich lasse zu, dass der andere seinen ebenfalls vertritt. Diese Balance ist oft anspruchsvoll. Sie fordert Klarheit über das eigene Denken und zugleich Respekt dem anderen gegenüber. 

Ich glaube, dass Gott die Menschen unterschiedlich geschaffen hat – mit verschiedenen Gaben, Überzeugungen und Lebenswege. Diese Unterschiede sind kein Fehler, sondern Teil seines Plans. Unsere Aufgabe als Menschen ist es, diese Vielfalt zu erkennen und fruchtbar werden zu lassen.

Freiheit und Verantwortung

Eng verbunden mit der Toleranz ist die Frage nach der Freiheit. Ich spüre, dass meine Freiheit dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt. In einer pluralen Gesellschaft wie der in der wir leben, kann nicht jeder einfach tun und lassen, was er will. Rücksicht, Maß und Taktgefühl sind notwendig.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Ich habe das Recht – und dies ist nicht lediglich juristisch zu verstehen sondern auch moralisch -, meine Überzeugungen zu äußern und zu leben. Toleranz darf niemals so verstanden werden, dass man eigene Standpunkte verschweigen muss, nur um niemanden zu verletzen. Freiheit lebt davon, dass Unterschiede angesprochen und diskutiert werden – mit Respekt und hoffentlich auch  gutem Benehmen, aber eben auch mit Klarheit.

Toleranz im gesellschaftlichen Kontext

Wenn ich auf unsere Gesellschaft blicke, siehe ich viele Felder, in denen Toleranz dringend gebraucht wird. Wir erleben Migration und kulturelle sowie Vielfalt, wir erleben unterschiedliche Lebensstile, verschiedene Formen von Partnerschaften, kontroverse Debatten über Religion, Politik und Identität.

Manchmal spüre ich, dass die Diskussionen härter werden und Fronten sich verhärten. Dann wächst die Gefahr, dass wir einander nicht mehr zuhören, sondern nur noch die eigene Position verteidigen. Doch eine Gesellschaft kann nur dann stabil bleiben, wenn Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen nebeneinander bestehen können.

Toleranz ist hier der Schlüssel. Sie bedeutet eben nicht, Unterschiede zu verwischen oder Konflikte schönzureden. Sie bedeutet, mit Spannungen konstruktiv – also aufbauend – umzugehen. In der Politik heißt das: Kompromisse suchen, ohne die eigenen Prinzipien aufzugeben. Für die Gesellschaft bedeutet das: Vielfalt annehmen, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Der Kulturauftrag Gottes

Als Christ sehe ich in der Toleranz einen wesentlichen Teil unseres Kulturauftrages, den wir von Gott her erhalten haben. Kultur bedeutet, Unterschiede zu gestalten, sie in eine Form des Miteinander zu führen, die das Leben fördert. Intoleranz hingegen zerstört Kultur – sie ist barbarisch, weil das Miteinander zerbricht.

Wenn ich so, in diesem Zusammenhang, an Europa denke, dann sehe ich, wie sehr dieser Kontinent von Vielfalt geprägt ist: verschiedene Sprachen, Mentalitäten, politische Traditionen. Und doch gibt es ein gemeinsames Fundament: die Achtung der Menschenwürde, die Idee der Freiheit, das Bewusstsein für Verantwortung. Diese Werte haben Wurzeln im christlichen Menschenbild. Sie sind die Grundlage für ein Europa, das in seiner Vielfalt geeint bleibt. So hoffe ich es zumindest.

Ermutigung zum Dialog

Für mich ist Toleranz deshalb nicht Schwäche, sondern Stärke. Sie erfordert Tapferkeit – die Tapferkeit, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und gleichzeitig den anderen gelten zu lassen.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der wir einander zuhören, auch wenn wir nicht übereinstimmen. Eine Gesellschaft, in der wir Differenzen nicht als Bedrohung verstehen, sondern als eine Möglichkeit, gemeinsam zu wachsen.

Das ist oft nicht immer einfach. Aber es lohnt sich. Denn nur so können wir eine Zukunft gestalten, in der Unterschiede nicht trennen, sondern verbinden.

Fazit

Toleranz ist kein bequemes Wohlfühlwort. Sie ist eine Haltung, die etwas kostet, aber auch reiche Früchte trägt. Sie lebt von einem klaren Standpunkt, vom Respekt vor dem anderen und von der Bereitschaft, Vielfalt zu gestalten.

Für mich gründet sie im Glauben an Gott, der uns in unsere Verschiedenheit geschaffen hat. Für unsere Gesellschaft ist sie der Schlüssel zu einem friedlichen und fortschreitenden Miteinander.

Wir stehen vor der Aufgabe, Toleranz immer wieder neu einzuüben – in unseren Familien, in unseren Städten und Gemeinden, in unseren Kirchen und Religionsgemeinschaften, in der Politik und in Europa. Sie ist Herausforderung und Chance zugleich. Nehmen wir sie an, damit unsere Unterschiede nicht zur Spaltung führen, sondern zu einer Quelle der Bereicherung werden.