Gedanken über unser Grundgesetz zum Tag der Deutschen Einheit.
Das Grundgesetz ist das wichtigste Buch unserer Gesellschaft!, diese These vertrete ich gerne und ehrlich gesagt auch mit Leidenschaft. Manchmal werde ich allerdings gefragt, ob ich als katholischer Priester nicht sagen müsste: Die Bibel ist das wichtigste Buch. Diese Frage verstehe ich gut, denn die Bibel ist zweifellos für meinen Glauben, mein Denken und mein Leben von ganz zentraler Bedeutung. Sie ist für mich wirklich Heilige Schrift, das Wort Gottes und sie begleitet mich jeden Tag. Und doch wage ich zu sagen: Für unsere Gesellschaft ist das Grundgesetz das wichtigste Buch.
Warum? Weil das Grundgesetz die Grundlage für unser Zusammenleben schafft. Es ist kein theologisches Werk, sondern ein politisch-rechtliches. Aber gerade darin liegt seine unersetzliche Bedeutung. Es ordnet die Beziehungen zwischen Menschen und dem Staat, schützt die Freiheit des Einzelnen und legt Pflichten fest, die uns alle tragen. Ohne das Grundgesetz gebe es in Deutschland kein geordnetes und freies Leben. Das ist für mich eine logische Schlussfolgerung.
Rechte und Pflichten – die Balance des Lebens
Das Grundgesetz garantiert eine Vielzahl von Rechten, die wir oft als selbstverständlich hinnehmen: freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, die Möglichkeit, einen Beruf frei wählen zu können, Eigentum zu besitzen, sich im Land frei zu bewegen. Diese Rechte sind nicht abstrakt, sondern ganz konkret erfahrbar: Sie machen unser Leben reich, vielfältig und eben frei.
Aber ebenso wichtig wie die Rechte sind die Pflichten, die im Grundgesetz verankert sind. Schulpflicht, Steuerpflicht, die Pflicht zur Gesetzestreue, im Ernstfall auch Wehr- oder Dienstpflicht. Ohne diese Pflichten wären unsere Freiheiten lediglich ein schöner Traum. Erst die Balance von Rechten und Pflichten macht ein gutes Leben möglich – über das bloße Überleben hinaus.
Diese Ordnung ist nicht selbstverständlich. Durchaus oft wird sie als Einschränkung empfunden. Aber sie ist der Boden, auf dem Freiheit überhaupt gedeihen kann. Ich bin überzeugt: Genau das hatten die Mütter und Väter des Grundgesetzes im Blick. Sie wussten, dass Freiheit ohne Verantwortung ins Chaos führt.
Der Gottesbezug – eine offene Einladung
Besonders bemerkenswert finde ich den Beginn der Präambel: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“. Das ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Entscheidung gewesen, Gott in den Text aufzunehmen – nicht als Zwang, nicht als Dogma, sondern als Horizonterweiterung.
Dieser Gottesbezug verpflichtet nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Politik. Er erinnert daran, dass der Mensch nicht das letzte Maß aller Dinge ist. Es gibt eine höhere Instanz, vor der wir uns verantworten. Dies schützt vor politischem Größenwahn. Wer sich an Gott erinnert, der weiß: Macht ist relativ, der Mensch ist und bleibt endlich und fehlbar.
Gerade darin liegt eine politische Weisheit, die auch säkulare Menschen schätzen können. Der Gottesbezug im Grundgesetz ist nämlich eben keine missionarische Aussage, sondern ein Korrektiv gegen Überheblichkeit. Er weitet den Blick über das rein irdische hinaus und macht so demütig.
Die Würde des Menschen – Fundament aller Politik
Aus diesem Bewusstsein erwächst meines Erachtens der erste Satz des ersten Artikels: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Alles weitere im Grundgesetz baut darauf auf. Rechte, Pflichten, politische Entscheidungen, wirtschaftliche und soziale Ordnung – sie alle müssen sich an diesem Maßstab messen lassen.
Dieser Satz ist radikal! Er macht klar: Jeder Mensch ist wertvoll, nicht weil er leistungsfähig ist, nicht weil er einer bestimmten Gruppe angehört, sondern einfach, weil er Mensch ist. Das ist zutiefst christlich und zugleich allgemein menschlich.
Gerade deshalb kann sich keine Religionsgemeinschaft, keine politische Bewegung, keine Institution davon ausnehmen. Wer die Würde des Menschen missachtet, stellt sich außerhalb des Rahmens, den unser Grundgesetz setzt.
Bibel und Grundgesetz – kein Widerspruch
Vielleicht möchte jemand einwenden: Aber muss nicht für einen Priester die Bibel das wichtigste Buch sein? Ich meine: Die beiden Bücher stehen nicht in einem Gegensatz, vielmehr ergänzen sie sich.
Die Bibel zeigt uns, dass Gott möchte, dass unser Leben gelingt. Sie gibt Orientierung, Werte und Sinn. Das Grundgesetz schafft die äußeren Bedingungen, damit wir dieses (hoffentlich gelingende) Leben in Freiheit und Verantwortung führen können.
Die Bibel ist für den Glauben, das Grundgesetz für die Gesellschaft. Beide zusammen zeigen sie, dass Glaube und Vernunft, Religion und Politik keine Gegner sein müssen. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Sie können einander befruchten.
Migration und Integration – eine Bewährungsprobe
Ein Beispiel, wie aktuell und herausfordernd das Grundgesetz ist, sehe ich im Bereich der Migration. Viele Menschen kommen zu uns, weil sie unsere Freiheit und den Wohlstand schätzen, die auf unserer Verfassung beruhen. Das ist verständlich und menschlich.
Doch ein Leben in unserer Gesellschaft bedeutet nicht nur, die Vorteile zu genießen. Es geht auch darum, die Werte, die Freiheiten und Pflichten des Grundgesetzes anzunehmen. Für Menschen, die in ganz anderen Kulturen aufgewachsen sind, ist das nicht immer leicht, oft sogar schwer. Sie sind gefordert, alte Gewohnheiten zu hinterfragen, ja sogar hinter sich zu lassen und sich auf neue Regeln einzulassen.
Hier zeigt sich die Stärke und zugleich die Zerbrechlichkeit unseres Systems. Wir können Menschen willkommen heißen und gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass unser Zusammenleben nur funktioniert, wenn alle unsere grundgesetzlichen Grundwerte teilen. Wer dauerhaft hier leben will, muss die Würde eines jeden Menschen achten, die Gleichberechtigung, die Religionsfreiheit, die Rechtsstaatlichkeit. Diese Werte sind nicht verhandelbar.
Gefährdete Selbstverständlichkeiten
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir selbst zu wenig wertschätzen, was uns das Grundgesetz gibt. Wir nehmen unsere Freiheit als selbstverständlich hin. Wir diskutieren über Detailfragen und vergessen, dass das Fundament unschätzbar wertvoll ist.
Gerade wenn man einen Blick in unsere deutsche Geschichte oder in andere Länder wirft, wird klar, wir besonders unsere Verfassung ist. Ich halte sie für eines der besten Ergebnisse, die in der deutschen Geschichte entstanden sind. Sie hat Freiheit, Wohlstand und Frieden ermöglicht – drei Güter, die nicht getrennt voneinander existieren können.
Verantwortung für die Zukunft
Das Grundgesetz ist nicht einfach ein juristisches Werk. Ich halte es für eine Art Gesellschaftsvertrag, der unser Zusammenleben prägt. Es ist ein Auftrag. Jeder von uns steht in der Verantwortung, diese Ordnung zu bewahren und weiterzugeben.
Als Christ lese ich die Präambel mit besonderer Freude. „Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen“ – Einsatz, den ich auch persönlich unterschreiben kann. Er fasst zusammen, worauf es ankommt: Verantwortung für die Mitmenschen, Demut vor Gott, Achtung und Würde.
Wenn wir das ernst nehmen, wenn wir unser persönliches Leben und unsere politische Kultur daran ausrichten, dann wird vieles gelingen. Dann bleibt unsere Gesellschaft frei, gerecht und menschlich.
Schlussgedanke
Die Bibel zeigt uns, wer wir vor Gott sind. Das Grundgesetz zeigt uns, wie wir miteinander leben können. Beides zusammen eröffnet einen Raum, in dem Leben gelingt.
Darum sage ich: Ja, für die Gesellschaft ist das Grundgesetz das wichtigste Buch. Es schafft die Ordnung, in der Freiheit möglich ist. Es schützt die Würde, die Gott jedem Menschen geschenkt hat. Es verpflichtet uns alle, in Verantwortung vor Gott und den Menschen zu handeln.
Wie gut wäre es, wenn wir – jeder Einzelne von uns für sich selbst – in diesem Sinne die beiden ersten Sätze, den der Präambel und denen des ersten Artikels, zusammenfassen und sagen: In unserer und meiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ist die Würde des Menschen unantastbar.
