Ein persönliches Plädoyer für ein Europa mit Seele und Kultur.

Europa steht am Wendepunkt. Mario Draghi ruft in einer Rede mit dem Titel „Europa als Zuschauer“ zu entschlossenem Handeln auf – und trifft damit einen wunden Punkt. Doch wirtschaftliche Reformen allein werden den Kontinent nicht retten. Europa braucht mehr als Geld, Regeln und Märkte: Es braucht wieder eine Seele. In meinem Artikel zeige ich, warum Europas Stärke nur aus seiner geistigen und moralischen Mitte wachsen kann – aus Freiheit, Verantwortung, Solidarität und Glauben. Wenn Europa Zukunft haben will, muss es aufhören, Zuschauer zu sein – und wieder Akteur seines eigenen Schicksals werden.

Es gibt reden, die setzen etwas in Bewegung. Mario Draghis (1) Rede über „Europa als Zuschauer“ (2) gehört für mich dazu. Gehalten hat er sie beim sogenannten Rimini-Meeting der römisch-katholischen Bewegung Comunione e Liberazione (3) vom 22. August 2025. Diese Rede ist kein gewöhnliches Plädoyer je eines europäischen Technokraten, sondern ein Weckruf an einen Kontinent, der an seiner eigenen Bequemlichkeit zu ersticken droht. Meiner Meinung nach hat Draghi recht: Europa steht an einem Wendepunkt. Doch er bleibt an einem entscheidenden Punkt stehen: er ruft zur Tat auf, allerdings sagt er wenig darüber, wofür wir als europäische Bürgerinnen und Bürger handeln sollen. Ich denke: Europa braucht nicht lediglich eine Strukturreform, sondern muss – vielleicht auch neu – über seine geistige Mittel nachdenken.

Das Ende einer Illusion

Draghi beginnt seine Rede mit einem Satz, der viel sagt: „2025 wird uns als das Jahr in Erinnerung bleiben, indem die Illusion zerbrochen ist.“

Die Illusion, das wirtschaftliche Macht allein politische Stärke bedeutet, hat Europa lange getragen. Jahrzehntelang sind wir davon ausgegangen, dass der gemeinsame Markt mit seinen 450 Millionen Konsumenten uns automatisch Gewicht in der Weltpolitik verleiht. Die Realität hat uns jedoch eingeholt.

Die USA setzen einseitige Zölle gegen europäische Produkte durch und wir reagieren empört, aber letztlich kraftlos. China nutzt seine wirtschaftliche Macht, um uns in einer gewissen Abhängigkeit zu halten und wir wollen verhandeln, während Peking längst handelt und Fakten schafft. In den Konflikten in der Ukraine, im Nahen Osten oder mit Blick auf den Iran bleibt Europa Beobachter. Wir mahnen und appellieren oder wollen beraten und sind doch selten der Akteur der (mit-)gestaltet.

Draghi bringt diese Wahrheit klar auf den Punkt: Europa ist wirtschaftlich stark und Geo politisch schwach. Es ist Zuschauer auf einer Bühne, auf der andere handeln.

Ein Kontinent, der seine Rolle vergessen hat

Draghi Analyse teile ich. Europa hat über Jahrzehnte hinweg darauf vertraut, das Wohlstand und Frieden sich aus sich heraus erhalten. Wir haben uns in die bequeme Rolle einer moralischen Handelsmacht geflüchtet, überzeugt davon, das Verträge, internationale Regeln und freie Märkte dauerhaft Stabilität garantieren. Doch diese Welt gibt es nicht mehr!

Die Globalisierung ist kein Mechanismus, der wie selbstverständlich Frieden hervorbringt. Vielmehr ist sie zu einem Machtinstrument geworden. Staaten nutzen Handel, Technologie und Energie, um politische Ziele durchzusetzen. Amerika, China, Russland und andere regionale Mächte handeln aus Stärke, nicht aus Rücksicht. Europa dagegen zögert, es analysiert und diskutiert.

Diese Lähmung halte ich nicht für einen Zufall. Sie scheint mir System zu haben. Europa ist groß im Regulieren und Klein im Entscheiden. Wir haben eine Europäische Union gebaut, die hervorragend Normen setzt und kaum strategisch handelt. Wir sind stark in der Bürokratie und schwach in der Politik. 

Draghi will handeln – und hat recht

Draghis Lösungsvorschlag ist so nüchtern wie richtig: Europa muss endlich auch politisch handlungsfähig werden. Er fordert, die politischen und wirtschaftlichen Strukturen der Europäischen Union an die sich abzeichnende neue Weltordnung anzupassen. Seine Gedanken ruhen dabei auf drei Säulen:

  1. Ein echter europäischer Binnenmarkt, der nicht durch nationale Eigeninteressen blockiert wird.
  2. Ein technologisch souveränes und leistungsfähiges Europa, das nicht von China oder den USA abhängig ist.
  3. Gemeinsame Investitionen und Schulden, um strategische Projekte wie Verteidigung, Energie oder Digitalisierung zu finanzieren.

Damit trifft Draghi – so denke ich – ins Schwarze. Europa braucht Größe, um in einer Welt der geopolitischen Giganten zu bestehen. Kein europäisches Land (auch nicht Deutschland oder Frankreich!) kann allein mit den USA oder China mithalten. Nur als politische Einheit haben wir eine Chance.

Die Forderung Draghis nach einer neuen europäischen Industriepolitik und gemeinsame Investitionen halte ich für notwendig. Ohne sie werden wir zu einer Art Museum des Wohlstands, das zwar seine Vergangenheit pflegt, die Zukunft zu gestalten aber anderen überläßt.

Wo Draghi zu kurz greift

Und doch greift seine Analyse zu kurz. Draghi denkt Europa vor allem als ökonomische und technologische Einheit. Er sieht den Menschen als Produktionsfaktor, Konsumenten und Steuerzahler und eben nicht als Bürger einer „Schicksalsgemeinschaft“. Seine Europa-Vision bleibt im Weltbild eines rational agierenden Managers gefangen: klug, strukturiert, aber ohne Seele.

Doch die Krise Europas ist nicht nur eine wirtschaftliche oder institutionelle. Sie ist auch eine geistige. Europa weiß nicht mehr, wofür es steht.

Wir sprechen von Demokratie und Freiheit, aber wir scheuen uns, diese Werte auch aktiv zu verteidigen, wenn es unbequem wird. Wir sprechen von Solidarität, aber wir leben sie nur, wenn Sie uns nichts kostet. Wir feiern unsere Vielfalt unvergessen dabei, was uns verbindet: unsere gemeinsame Geschichte, unsere geistige Herkunft aus Athen, Rom und Jerusalem – Vernunft, Recht und Glauben.

Draghi beschreibt Europa als Zuschauer. Ich meine: Europa ist Zuschauer geworden, weil es sich selbst entfremdet hat, weil es seine kulturellen Wurzeln und seine moralische Sprache verloren hat.

Europas geistige Aufgabe

Von einem bin ich überzeugt: Europa wird nicht durch Investitionsprogramme oder Technologiefonds zu einem Akteur, sondern durch eine Besinnung auf seine geistige Herkunft und Berufung.

Europa ist mehr als ein Markt, es ist eine Idee. Die Idee, das macht ein Recht gebunden ist. Dass würde wichtiger ist als Gewinn. Dass Frieden auf Gerechtigkeit beruht. Diese Werte haben Europa groß gemacht und heute sind sie aktueller denn je.

Wenn Europa also handlungsfähig sein will, muss es zuerst wissen, wofür es steht und wofür es handelt. Es geht nicht einfach darum, stärker zu sein als China oder die Vereinigten Staaten. Es geht darum, als Kontinent der Freiheit, des Rechts und der Solidarität zu bestehen.

Draghi fordert eine gemeinsame Verteidigungsstrategie, das halte ich für richtig. Gleichzeitig brauchen wir allerdings ebenso dringend eine Verteidigung unserer geistigen Grundlagen. Freiheit ohne moralische Verantwortung verkommt zum Egoismus. Wohlstand ohne Sinn ist seelenlos. Fortschritt ohne Maß zerstört sich selbst.

Europa wird nur dann (wieder) handlungsfähig, wenn es sich seiner kulturellen Identität bewußt wird und diese lebt. Diese Identität ist nicht rückwärtsgewandt, ich halte sie für tief verwurzelt in der Würde des Menschen. Sie ist christlich-humanistisch, nicht als Dogma, sondern als Haltung: Achtung vor dem Leben, Verantwortung für den Nächsten, Bewahrung der Schöpfung und der Wille zum Frieden.

Reform ja – aber mit Maß und Geist

Ja, die Europäische Union braucht Reformen. Sie muss ihre Entscheidungswege verkürzen, nationale Egoismen abbauen, Bürokratie reduzieren und in Schlüsseltechnologien investieren. Aber die politische Integration Europas darf nicht zur bloßen Machtmechanik werden.

Ein Europa der Zukunft kann nicht allein aus Brüssel regiert werden. Es braucht Nähe zu den Bürgern, nicht nur Kontrolle durch Kommissare. Es braucht Dialog zwischen den Nationen, nicht lediglich die technokratische Vereinheitlichung ihrer Vielfalt. Es braucht Mut, Konflikte auszuhalten, die politischen, die kulturellen und auch die moralischen.

Europa darf sich nicht in einer ideologischen Selbstüberhöhung verlieren. Es muss lernen, aus Überzeugung und nicht aus Zwang zuzuhören zu streiten und Kompromisse zu schließen.

Die europäischen Institutionen müssen dabei nicht nur effizienter, sondern auch glaubwürdiger werden. Bürger verlieren das Vertrauen, wenn sie den Eindruck haben, dass Europa zwar über Staubsaugerdüsen und Datenschutzregeln entscheidet, aber nicht über Krieg und Frieden, Migration oder Energieversorgung.

Der Mensch im Mittelpunkt

Eines fällt mir in Draghis Rede auf: Es fehlt der Mensch. Nicht als Wirtschaftsgröße, sondern als Person. Europa wurde nicht gebaut, um lediglich Märkte zu verwalten, sondern um Frieden und Freiheit für die Menschen zu sichern.

Der Mensch ist deutlich mehr als sein Einkommen oder seine Effizienz. Er ist ein Wesen mit einem Gewissen, Mitverantwortung, mit Sehnsucht nach Sinn. Die europäische Politik darf sich nicht nur am Wirtschaftswachstum oder einer Wettbewerbsfähigkeit messen lassen, sondern immer auch an der Frage: Dient sie dem Menschen?

Ein Europa, das lediglich als Wirtschaftsgemeinschaft existiert. Verliert seine Seele. Ein Europa, das aus seiner Kultur lebt, gewinnt Zukunft.

Was jetzt zu tun ist

Draghi ruft dazu auf, Skepsis in Tatkraft zu verwandeln. Das ist richtig – aber es reicht nicht. Wir müssen unsere Tatkraft mit einer Haltung verbinden.

Die Bürger Europas müssen verstehen, es muss ihnen vermittelt werden, dass Europa eben nicht nur ein Projekt der Eliten ist, sondern ihr gemeinsames Haus. Die Politiker müssen den Mut haben, das Notwendige zu tun, auch wenn es unpopulär ist. Und die Kirchen, Universitäten und Medien müssen Europa wieder als ein kulturelles und ein geistiges Projekt begreifen, nicht nur als Verwaltungsstruktur.

Wir brauchen ein Europa, das investiert – und auch inspiriert.

Ein Europa, das schützt – und auch erzieht.

Ein Europa, dass sich seines Einflusses und seiner Macht bewusst ist – und nicht die Maßlosigkeit sucht.

Das ist der Weg zu einem Europa, das nicht Zuschauer, sondern Gestalter seiner Zukunft ist.

Mein Fazit

Mario Draghi hat eine notwendige Rede gehalten. Sie ist klug, klar und mutig. Allerdings bleibt sie technokratisch. Europa wird nicht allein durch die Wiederbelebung des Binnenmarktes oder eine gemeinsame Schuldenaufnahme gerettet. Vielmehr hat es eine Zukunft durch die Rückbesinnung auf seinen Sinn.

In die Europäische Union habe ich vertrauen. Nicht an die Institution allein, vor allem ist es die Idee. Ich habe Vertrauen an ein Europa der Kathedralen und Universitäten, der Menschenrechte, der Kultur, der Philosophie, der Freiheit und Verantwortung. Dies ist Europa hat die Kraft, sich auf dieser Basis immer wieder zu erneuern. Und wir als Bewohner sollten lernen nicht lediglich Zuschauer zu sein, sondern Bürger.

Geopolitisch – so denke ich – darf Europa nicht Zuschauer bleiben.

Es ist an der Zeit, dass wir wieder Akteure unseres eigenen Schicksals werden – mit Herz, Verstand und glauben. 

Quellen

(1) https://legrandcontinent.eu/de/2025/08/26/mario-draghi-den-kurs-unseres-kontinents-aendern/ (letzter Aufruf vom 04. Oktober 2025)

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Draghi (letzter Aufruf vom 04. Oktober 2025)

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Comunione_e_Liberazione (letzter Aufruf vom 04. Oktober 2025)