Eine persönliche Position.
Die Aufarbeitung des Missbrauchs hat Wunden offengelegt und aus dieser heraus, neue Wege der Verantwortung und Glaubwürdigkeit eröffnet. Es ist Zeit, die Schritte des Guten zu sehen, ohne die Schuld zu verdrängen.
In den vergangenen Jahren habe ich mich oft gefragt, ob es in der katholischen Kirche in Deutschland noch möglich ist, mit einem gewissen gesunden Inneren Stolz zu sagen: Ich bin katholisch und ich bin es gerne.
Dies meine ich nicht im Sinne einer arroganten Überheblichkeit, sondern eher in einer ruhigen und ehrlichen Identifikation als eine Haltung, die das Gute, das gewachsene und dass Geheilte eben nicht übersieht, auch wenn die Wunden klar sichtbar sind.
Dies hat mich in den vergangenen Monaten immer wieder beschäftigt und irgendwann begegnete mir dabei der Begriff Identifikationsstolz. Ein Wort, das zunächst ungewohnt und sperrig klingt, für mich aber etwas Wesentliches ausdrückt: den inneren Anstoß, sich trotz aller Krisen, der Schuld und der Erschütterungen wieder mit der eigenen Kirche und dem katholischen Glauben zu identifizieren und das in einem gesunden und verantwortungsbewussten Maß.
Wie sensibel dieser Gedanke ist, ist mir durchaus bewusst und es wäre falsch, den Eindruck zu erwecken, als könnten wir die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs in der Kirche einfach hinter uns lassen. Das Gegenteil ist der Fall! Der Missbrauch und sein jahrzehntelanges Vertuschen gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte der Katholischen Kirche. Sie haben Vertrauen zerstört, Menschen gebrochen, Familien entzweit und die Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung tief erschüttert.
Doch gleichzeitig ist in vielen Teilen der Kirche etwas in Bewegung geraten, das man nicht übersehen darf. Es entstand eine neue und aufrichtig ernsthafte Verantwortungskultur, die sich nicht in Lippenbekenntnissen erschöpft. Genau hier sehe ich einen Ansatzpunkt für genau diesen Identifikationsstolz.
Ein schwieriger, aber ehrlicher Weg
In nahezu allen deutschen Bistümern liegen inzwischen Missbrauchsstudien vor. Manche sind tiefgründiger als andere, manche sind lückenhaft, aber fast alle haben sie eine gemeinsame Stoßrichtung: Sie wollen Licht in das Dunkel bringen.
Diese Studien waren und sind meiner Meinung nach keine kosmetischen Berichte, sondern schmerzliche Spiegelungen einer jahrzehntelang verdrängten Realität. Ja ich halte sie für eine Art kirchlichen Bußaktes: Das Eingeständnis, dass Versagen eben nicht nur individuell, sondern strukturell war, das Leitungsebenen, schweigen und falsche Loyalität vergrößert haben. Die Studien haben Verantwortliche benannt, Mechanismen aufgezeigt und Strukturen hinterfragt. Gleichzeitig haben sie der Kirche die Möglichkeit gegeben, zu lernen. Nicht alles wurde gelernt und nicht überall wurde konsequent gehandelt. Das ist kritikwürdig. Gleichzeitig wäre es allerdings ungerecht, zu übersehen, was in vielen Bereichen bereits gewachsen ist.
Denn dort, wo die Ergebnisse der Studien ernst genommen wurden und werden, hat sich tatsächlich etwas verändert. Ausbildungsprogramme in Seminaren und pastoralen Berufen wurden überprüft und angepasst. In vielen Diözesen ist es selbstverständlich geworden, dass alle, die in der Pastoral tätig sind – hauptamtlich oder ehrenamtlich -, in regelmäßigen Abständen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Es wird sorgfältig hingeschaut, wer Verantwortung trägt und wie Macht ausgeübt wird.
Das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern Zeichen einer wachsenden Kultur der Achtsamkeit. Sie schützen nicht einfach nur potenzielle Opfer, sie schützen auch das Ansehen der Kirche und damit das, was vielen Gläubigen trotz allem wichtig, vielleicht sogar „heilig“ ist.
Aufarbeitung als Quelle von Identifikation
Wenn ich heute von Identifikationsstolz spreche, dann meine ich genau das: die Fähigkeit, die Aufarbeitung nicht nur als Last, sondern tatsächlich auch als Chance zu begreifen und sie auch zu nutzen. Es ist ein Fortschritt, dass sich die Kirche ihrer Schuld stellt, das sie Fehler benennt, Verantwortung übernimmt und sich nicht länger hinter ihrer Autorität als Institution versteckt.
Diese Entwicklung ist ein Fortschritt und darf ruhig auch als etwas gesehen werden, das Identifikation ermöglicht. Klar ist dabei, dass die Schuld nicht abgewehrt wird, sondern das Gute anerkannt wird, das aus der Schuld heraus gewachsen ist.
Ein solcher Stolz ist kein Triumph, sondern eher eine Form von Zuversicht und von Dankbarkeit. Dankbarkeit für Menschen, die tapfer waren, die hingeschaut haben, die in Betroffenenorganisationen, in Bistümern, Gremien und bei Räten oder in der Forschung unbequeme Fragen gestellt haben und hartnäckig am Thema blieben. Dankbarkeit auch für die vielen Priester, Diakone, Ordensleute und Laien im pastoralen Berufen, die täglich mit dem Misstrauen leben müssen, das aus der Vergangenheit herrührt und trotzdem loyal und glaubwürdig Ihren Dienst tun.
Ein gesunder Identifikationsstolz bedeutet, all das zu sehen und zu würdigen, ohne das Leid der Betroffenen aus dem Blick zu verlieren. Es bedeutet, nicht ausschließlich auf das zu schauen, was zerstört wurde, sondern auch auf das, was inmitten des Zerstörten wiederaufgebaut wurde und weiter aufgebaut wird.
Buße Reinigung und Verantwortung
Buße ist kein kirchliches Sonderthema, es ist vielmehr eine geistliche Grundhaltung. Sie bedeutet nicht Selbstverachtung, vielmehr verhilft sie zur Klarheit: Ich erkenne, was falsch war und richte mein Handeln neu aus.
Die Kirche ist – wie jeder Mensch auch – auf Reinigung angewiesen. Diese Reinigung geschieht nicht allein durch Strukturreformen oder Kommissionen, sondern auch – vielleicht vor allem – durch geistliche Erneuerung: durch Gebet, durch Verzicht auf Machtspiele, durch ehrliche Selbstprüfung.
Buße hat – so schmerzhaft sie auch sein kann – etwas heilsames, weil sie Raum für die Übernahme von Verantwortung schafft. Verantwortung heißt in diesem Zusammenhang auch, die positiven Entwicklungen zu sehen und weiterzuführen. Das eine Kultur des Hinschauens entstanden ist, darf nicht in Routine erstarren. Sie muss lebendig bleiben.
Hier sehe ich einen entscheidenden Punkt: wir dürfen uns nicht im Dauererklärungen erschöpfen, sondern müssen auch zeigen, dass die Kirche vertrauen neu gewinnen kann – durch Haltung, durch Konsequenz, durch den Mut. Vertrauen ist kein Geschenk, dass man einfach so leicht wieder bekommt. Es wächst ganz langsam, aber es kann wachsen.
Kirchliche Kultur und gesellschaftliche Verantwortung
Die Kirche hat, trotz aller berechtigter Kritik, nach wie vor eine enorme gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist in vielen Regionen Trägerin sozialer, caritativer und kultureller Angebote. Sie begleitet Menschen in Lebenswenden, sie stiftet Gemeinschaft und Sinn. Wenn Sie sich erneuert, dann wirkt das auch nach außen in eine Gesellschaft hinein, die selbst nach Halt sucht.
Ich glaube, dass die Kirche gerade in unserer Zeit, die so stark von Unsicherheit und Identitätsfragen geprägt ist, gebraucht wird: als Ort, an dem Verantwortung nicht nur gefordert, sondern vor allem auch gelebt wird.
So ist das, was mit dem Wort Identifikantionsstolz verbunden werden kann, nicht bloß eine innerkirchliches Gefühl, sondern auch ein gesellschaftliches Signal, nämlich dass die Kirche lernfähig ist, dass sie sich ihrer Geschichte stellt und daraus Konsequenzen zieht. Es ist ein stilles Zeichen dafür, das Christsein heute weder naiv noch nostalgisch sein muss, sondern verantwortungsbewusst, reflektiert und zugleich hoffnungsvoll.
Über den Umgang mit stark progressiven Strömungen
Im Rahmen der Notwendigkeit und des Drucks, der entstanden ist, um aus in dem Missbrauchskomplex das innerkirchliche Denken und Handeln zu verändern, nehme ich wahr, dass innerhalb der Kirche in Deutschland viele Kräfte am Werk sind, die sich Veränderungen wünschen. Manche treten dabei sehr radikal und laut auf, manche differenziert. In der Missbrauchsproblematik musste und muss klar sein: Es braucht Veränderungen! Sie sind nicht per se schlecht, sie gehören zum Leben der Kirche. Doch dort, wo sie zum Selbstzweck werden, verlieren sie ihre geistliche Richtung.
Einige Entwicklungen der letzten Jahre scheinen mir daher eher von Kirchenpolitischen Ehrgeiz als von spiritueller Tiefe getragen zu sein. Darüber mache ich mir Sorgen. Denn Erneuerung und Reform ohne eine geistliche Verwurzelung bleiben oberflächlich. Die Kirche darf sich nicht im Aktivismus verlieren, sondern muss aus der Quelle leben, die sie trägt: aus Christus, dem Evangelium und aus der Erfahrung von Schuld und Gnade.
Darum braucht es eine gesunde Balance. Und das bedeutet: ein klares Ja zu Reformen, aber mit Maß und Geist. Manchmal ist der laute, der geräuschvolle Weg nicht der bessere, sondern der ruhigere, der sich an der Wahrheit orientiert und nicht an Zustimmung.
Ein Blick nach vorn
Wenn ich heute auf die katholische Kirche in Deutschland schaue, sehe ich ein widersprüchliches Bild. Da gibt es viel Müdigkeit, ja Resignation. Aber da ist auch Neues entstanden: Achtsamkeit, Professionalität, ein offener Umgang mit Macht und Verantwortung. Ich sehe Menschen, die sich nicht abwenden, sondern bleiben. Nicht, weil sie blind sind, sondern weil sie glauben, dass sie mehr ist als die Summe ihrer Fehler. Genau das gehört für mich zum Kern eines gesunden Identifikationsstolzes: das Bewusstsein, das ist gut ist, katholisch zu sein – gerade jetzt, wo ist unbequem ist.
Die Kirche kann und soll aus der Krise heraus wieder aufrecht gehen. Nicht überheblich, sondern dankbar. Nicht triumphierend, sondern geläutert. Sie hat in vielen Bereichen gelernt, hinzuschauen, zu benennen und Verantwortung zu übernehmen. Das verdient Anerkennung. Es ist kein Makel, dies auch zu sagen. Im Gegenteil: Es zeigt, dass die Kirche nicht nur Schuld tragen, sondern auch reifen kann.
Zum Schluss: Hoffnung in realistischer Gestalt
Ich bin überzeugt: die Zukunft der Kirche in Deutschland wird nicht durch laute Programme oder auffällige und besonders „katholische“ Angebote entschieden, sondern durch stille Treue. Durch Menschen, die ihren Glauben leben, Verantwortung übernehmen und das Gute nicht kleinreden. Durch diejenigen, die verstanden haben, dass Aufarbeitung kein Ende, sondern ein Anfang ist.
Der Identifikationsstolz, den ich meine, ist also kein stolzes Auftrumpfen, sondern ein leises Wiederaufrichten. Er wächst dort, wo Schuld benannt, aber Hoffnung nicht verloren wird. Dort, wo Buße nicht lähmt, sondern befreit. Dort, wo aus Verletzung Verantwortung wird und aus Verantwortung wieder Vertrauen.
Ich wünsche mir, dass wir als Kirche diesen Weg weitergehen. Dabei werden wir nicht perfekt sein, wir werden Fehler machen, aber wir werden eben auch ehrlich sein. Vielleicht sagen wir dann eines Tages: Ja, ich bin in der katholischen Kirche und ich bin es gern.
