In den sozialen Medien beobachte ich in der letzten Zeit ein interessantes Phänomen. Auf Plattformen wie Instagram scheint ein Neuer „Wert“ entdeckt wurden zu sein, der lange als altmodisch galt: Disziplin. Vor allem junge Männer und Frauen filmen sich beim Sport, beim bewussten Ernähren, beim Lernen in der Bibliothek. Es geht dabei fast immer um Selbstverbesserung: um Fitness, Ausdauer, Durchhaltevermögen. Wer diszipliniert ist, gilt als stark. Wer es nicht ist, als schwach.
Das will ich gar nicht kleinreden. Es erfordert tatsächlich Disziplin, regelmäßig zu trainieren, den Wecker früh zu stellen und dann auch tatsächlich aufzustehen oder auf Süßigkeiten zu verzichten. Das sind Formen von Selbstbeherrschung, die durchaus Respekt verdienen.
Zugleich fällt mir auf: diese Form der Disziplin bleibt oft an der Oberfläche. Sie konzentriert sich auf das Sichtbare. Dabei geht es um den Körper, den Mann im Spiegel oder auf einem Foto zeigen kann. Es geht um so etwas wie eine „Disziplin der Muskeln“, nicht unbedingt um die des Herzens. Dabei ist Disziplin in ihrem eigentlichen Sinn viel umfassender. Ja, sie ist eine Haltung, die das ganze Leben durchdringen kann.
Disziplin als Haltung – die Schule der Tugenden
die alten Griechen hätten für diese neue Firness-Begeisterung sicherer wohl ein gewisses Verständnis gehabt. Gleichzeitig hätten sie auch gefragt: Wozu das alles? Für Sie war Disziplin kein Selbstzweck, sondern ein Weg zur inneren Ordnung und zur Tugend.
In der antiken Philosophie finden wir vier klassische Grundtugenden, die eng mit Disziplin verbunden sind:
- Mäßigung: Die Fähigkeit, das rechte Maß zu halten und nicht jedem Impuls nachzugeben.
- Tapferkeit: Die Art des Mutes, sich Schwierigkeiten durchdacht zu stellen und auszuhalten.
- Gerechtigkeit: der Teil der Ordnung, bei der jeder das Seine erhält.
- Klugheit: Das in der Lage sein, die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen.
Diese Tugenden bilden gemeinsam das, was die Griechen areté nannten, Die sittliche Tüchtigkeit, die innere Form des Menschen. Disziplin war dabei kein äußerer Zwang, sondern eher eine innere Schule: der Wille, sich selbst zu führen, um frei zu werden.
Wer Disziplin hat, ist eben nicht der Sklave seiner Triebe, sondern Herr seiner selbst. Wer sich in einer Sache übt, lernt dabei Geduld, Aushalten und Beständigkeit. In diesem Sinn ist Disziplin dann nicht die Feindin der Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Freiheit ohne Disziplin ist eine bloße Laune. Disziplin ohne Freiheit ist Härte. Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht Reife.
Die christliche Sicht – Disziplin als Weg der Freiheit
Auch aus christlicher Sicht ist Disziplin kein Fremdwort, sondern ein ganz vertrautes Thema. Der christliche Glaube versteht sie nicht als Drill, sondern als Übung. Sie ist der Weg, auf dem sich der Mensch Gott nähert.
Christliche Disziplin beginnt deshalb nicht mit verboten, sondern mit einer inneren Ordnung. Wer glaubt, weiß: Der ist nicht nur Körper, sondern auch Geist und Seele. Wenn ich lerne, meine Kräfte zuordnen, öffne ich mich für das, was größer ist als ich selbst. So kann Disziplin ein Geistlicher Weg werden.
Regelmäßiges Gebet, aufmerksames hören auf das gebildete Gewissen, Stille, ja, auch Fasten, all das sind Formen von Disziplinen, die nicht (nur) der Selbstoptimierung dienen, sondern der Inneren geistigen und geistlichen Sammlung. Sie sollen nicht dazu führen, dass man vor anderen besser dasteht, sondern dass man selbst wahrhaftiger lebt.
In der christlichen Tradition hat Disziplin deshalb immer auch etwas mit Liebe zu tun. Wer sich darin übt, will sich nicht selbst erhöhen, sondern vor allem wachsen: für andere, für das Leben (auch das eigene), für Gott. Die Wüste der Mönche, die Askese vieler Heiliger, die kleinen alltäglichen Selbstüberwindungen im Beruf, in der Familie oder durchaus auch im Gebetsleben, sie alle sind Ausdruck derselben inneren Bewegung: ich ordne mein Leben, damit ist auf das Gute hin orientiert ist.
Disziplin ist so gesehen nicht lediglich die Zähmung des Menschen, sondern seine Entfaltung. Sie ist das, was dem Leben Form gibt. Auf diese Art und Weise ist die Person, die eine gewisse Disziplin lebt „in Form“ (und das nicht lediglich nur im sportlichen Sinne). Ohne Form verliert alles seine Gestalt. Der Mensch ohne Disziplin ist dann wie ein Fluss ohne Ufer, er mag wild fließen aber er findet kein Ziel.
Das Gegenbild zur Beliebigkeit
Vielleicht liegt genau darin die Faszination, die dieser neue Trend in den sozialen Medien auslöst. Viele spüren, oft unbewusst, dass das Leben ohne Struktur, ohne Ziel, ohne Ernsthaftigkeit Lea bleibt. Junge Menschen, die morgens sehr früh trainieren, suchen vielleicht nicht nur Muskeln, sondern halt.
Doch wenn Disziplin lediglich um ihrer selbst Willen betrieben wird, bleibt sie hohl. Erst wenn sie von Sinn erfüllt ist, von einer Idee des Guten, des Gerechten, des Wahren, wird sie erfolgreich und fruchtbar. Das gilt für den Körper genauso wie für das Denken und Handeln.
Wir brauchen, davon bin ich überzeugt, Disziplin. Vor allem aber brauchen wir eine neue Kultur der Disziplin. Damit meine ich kein strenges Regelwerk, sondern eine Haltung, die hilft, das Wesentliche zu erkennen. Disziplin fühlt sich dann nicht an wie eine Strafe, sondern sie ist dann eine Form der Liebe: die Liebe zum Gelingen, zum Wachsen, zur Verantwortung.
Vielleicht beginnt sie ganz einfach damit, dass wir morgens aufstehen, auch wenn wir lieber liegen bleiben würden. Aber sie endet nicht dort. Sie führt weiter, hinzu einem aufgeräumten Inneren, zu einem klaren Blick, zu einem Leben mit Richtung.
