Ein persönlicher Blick auf Pflicht, Freiheit und das Bedürfnis nach Verlässlichkeit in einer verunsicherten Gesellschaft.
Es gibt Wörter, die kehren zurück, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wehrpflicht ist so ein Wort. Viele Jahre war es aus unseren öffentlichen Bewußtsein verschwunden. Nun ist es wieder da. Es begegnet uns auf Titelseiten, in Talkshows in den sozialen Medien und es wirkt erstaunlich lebendig.
Ich habe das Gefühl, das hinter der Diskussion um die Wehrpflicht mehr steckt als lediglich eine militärische Notwendigkeit. Die Rede von einem neuen Wehrdienst oder einem Jahr des Dienstes für die Allgemeinheit berührt einen tieferen Nerv. Es geht dabei nicht lediglich um Verteidigung, sondern um etwas Grundsätzliches: um Zusammenhalt, Verantwortung und die Frage, was uns in unserer Gesellschaft eigentlich verbindet.
Zwischen Freiheit und Verantwortung
Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen, ohne dass sie dazu gezwungen sind. Davon bin ich überzeugt! Freiheit funktioniert nur dann, wenn sie von einer inneren Bereitschaft getragen ist. Doch Freiheit braucht auch Bedingungen und Strukturen, die sie schützen und festigen.
Darum halte ich die Idee eines Dienstjahres – ob militärisch oder zivil – derzeit für richtig. Sie ist eine Überlegung wert. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil viele junge Menschen (wie auch unsere gesamte Gesellschaft) heute Halt suchen und diesen Halt auch brauchen. Sie erleben Unsicherheit: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, ökologisch. Sie spüren, dass vieles brüchig geworden ist und nicht wenige Fragen sich: Wo werde ich gebraucht?
Ein verpflichtendes Jahr wirkt dann zwar auf den ersten Blick einschränkend, aber ich denke auch, dass es etwas Befreiendes haben kann, nämlich die Befreiung aus der Enge des eigenen Ichs. Ein Jahr, in dem es nicht zuerst um Leistung oder die berufliche Karriere geht, sondern zunächst einmal um einen Beitrag für unsere soziale Gemeinschaft. So kann aus einem Dienstjahr auch ein Jahr für das persönliche Wachsen und Reifen werden.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
Wenn ich mit jungen Leuten zusammen bin und mit ihnen spreche, nehme ich oft zwei scheinbar gegensätzliche Haltungen war. Da ist zum einen das starke Bedürfnis nach Selbstbestimmung und zum anderen der Wunsch nach Zugehörigkeit. Sie wollen ihr Leben selbst gestalten und zugleich auch Teil von etwas sein, das größer ist als sie selbst.
Genau hier liegt für mich der Wert eines gemeinsamen Dienstjahres. Es könnte helfen, die Balance zwischen Individualität und Gemeinsinn wiederzufinden. Nicht durch Vorschriften (die sicher an der einen oder anderen Stelle notwendig sein werden), sondern vielmehr durch Erfahrung: Wer Verantwortung übernimmt, entdeckt, dass Freiheit nicht in Beliebigkeit entsteht und besteht, sondern in der Fähigkeit, sich zu binden, schließlich verflacht die Freiheit, wenn ihr nicht auch Pflichten gegenüberstehen, sie verliert ihren Inhalt und ihre Richtung.
Die Sorge vor Bevormundung
Natürlich gibt es gute Gründe, gegenüber einem Dienstjahr skeptisch zu sein. Junge Menschen sollen und wollen ihr Leben planen können, ohne dass der Staat ihnen Wiege vorschreibt. Daraus ergibt sich die vielleicht entscheidende Frage: Können wir ein solches Jahr so gestalten, das ist als Gewinn erlebt wird? So ist es dann nicht lediglich eine Pflichtübung, sondern eine wirkliche Chance.
In diesem Sinne kann ich mir durchaus ein Modell vorstellen, das den militärischen und den zivilen Dienst nicht trennt, sondern nebeneinander stellt. Ein Dienstjahr, in dem jede und jeder dort Verantwortung übernimmt, wo er oder sie gebraucht wird: bei der Bundeswehr, im Katastrophenschutz, in der Pflege, in der Jugendarbeit, Im Rettungswesen, bei der Feuerwehr oder beim Umweltschutz.
Ein Jahr des Lernens
Mir begegnen junge Menschen, die nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Freiwilligendienst im Ausland machen. Manche tun dies, weil sie „noch nicht wissen, was sie wollen“. Wenn Sie dann dieses Jahr absolviert haben, sagen viele: Das Jahr hat mich geprägt!
Sie erzählen dann, wie Sie gelernt haben, mit Menschen umzugehen, die anders waren als sie selbst. Sie hatten Geduld gelernt und haben Verantwortung übernommen und das nicht, weil jemand sie dazu zwang, sondern weil sie gebraucht wurden. Ähnliche Erfahrungen habe ich selbst als Grundwehrdienstleistender bei der Bundeswehr gemacht.
Ein solches Jahr lehrt etwas, dass man in keinem Studium und in keinem Praktikum bekommt: ein Gespür für das Ganze. Es öffnet den Blick und weitet den Horizont über den eigenen Tellerrand hinaus. Es ist durchaus eine Schule der Empathie und genau die fehlt uns in vielen gesellschaftlichen und politischen Bezügen.
Sicherheit in unsicheren Zeiten
Dass die Frage nach der Wehrpflicht gerade jetzt gestellt wird, hat natürlich mit der politischen Lage zu tun. Russland führt einen brutalen Angriffskrieg in der Ukraine und ist auch darüber hinaus für das westlich geprägte Europa gefährlich. Die Bundeswehr sucht Nachwuchs und wir merken das der Friede der vergangenen dreißig Jahre verletzlich geworden ist.
Wenn ich allerdings die Diskussionen wahrnehme, fällt mir auf, dass sie oft rein technisch geführt werden. Es geht um Zahlen, Strukturen und Kosten. Das ist wichtig und gleichzeitig fehlt auch etwas. Denn der tiefere Sinn einer solchen Debatte liegt nicht in Organisationsfragen, sondern in der Haltung.
Sicherheit entsteht nicht allein durch ein Waffenarsenal und das Personal, dass es bedienen kann. Sie entsteht vor allem durch Vertrauen. Eine Gesellschaft ist stark, wenn sie füreinander einsteht und das gilt nicht nur im Ernstfall, sondern im Alltag.
Dienst als Haltung
Ein Jahr Dienstes kann, wenn es richtig vorbereitet und gestaltet wird, im Idealfall zu einer Art moralischem Rückgrat für unsere Gesellschaft werden. Es ist eine Einladung, nicht nur Rechte in Anspruch zu nehmen, sondern Verantwortung zu leben.
Das ist keine romantische Idee. Ich meine das sehr realistisch. Denn die Herausforderungen unserer Gesellschaft, egal ob Klima, Pflege, Digitalisierung oder soziale Spaltung, lassen sich nicht einfach durch Gesetze und Verordnungen lösen. Auch finanzielle Mittel und Unterstützungen helfen hier nicht zufriedenstellend weiter. Sie brauchen Menschen, die Handeln, weil sie sich verantwortlich fühlen.
Darum möchte ich den Gedanken eines Dienstjahres nicht als Rückschritt verstehen, sondern als einen Schritt nach vorn, als eine moderne Form des Gemeinsinns.
Vertrauen in die junge Generation
Ich habe großes Vertrauen in unsere heutige Jugend. Sie ist nicht bequem, wie man es ihr manchmal vorwirft, sie ist sensibel für Gerechtigkeit, Frieden und die Welt, in der wir leben. Sie denkt kritisch und spürt zugleich, das reine Kritik nicht genügt.
Darum halte ich es für falsch, sie mit Misstrauen zu überziehen. Wenn wir dann also ein Dienstjahr einführen (sollten), dann nicht, weil „die Jungen“ erzogen werden müssten, sondern weil sie gebraucht werden und weil sie hoffentlich in sich selbst spüren, dass sie gebraucht werden wollen.
Ein solches Vertrauen wäre das beste Fundament. Es ist kein moralischer Appell, sondern die ehrliche Einladung, Verantwortung zu übernehmen und zu teilen.
Die innere Sicherheit
Vielleicht, so denke ich, ist die wichtigste Sicherheit, die wir gewinnen können, gar nicht militärisch. Sie ist innerlich. Eine Gesellschaft, in der Menschen füreinander einstehen, ist widerstandsfähiger gegen Angst und Spaltung.
Wir reden viel über äußere Bedrohungen. Krieg, Extremismus, wirtschaftliche und soziale Unsicherheit, all dies sind Themenfelder, die uns permanent in Nachrichten erreichen und beschäftigen. Aber die – wie ich finde – größere Gefahr liegt im Inneren: in der Gleichgültigkeit! Wenn zu viele Menschen in unserer Gesellschaft nur noch sich selbst sehen, verliert das Ganze seine Seele.
Ein gemeinsames Dienstjahr kann dann ein kleines Gegenmittel sein. Es ist kein Allheilmittel, aber ein deutliches Zeichen. Es würde jungen Menschen eine Erfahrung geben, die bleibt, nämlich, dass Freiheit nicht allein bedeutet machen zu können, was man will, sondern dass es auch darum geht, etwas zu geben.
Ein persönliches Fazit
Ich denke es ist an der Zeit, neu über den Wert des Dienstes und des Dienens zu sprechen. Nicht ausschließlich als staatliche Pflicht, sondern als Kultur. Eine Gesellschaft, die zu stark auf Selbstverwirklichung gesetzt, verliert ihre Mitte. Eine Gesellschaft, die (wieder) lernt, das Geben zum Leben gehört, gewinnt Zukunft.
Ein Jahr gemeinsamen Dienstes wäre dann kein Rückgriff auf alte Zeiten, sondern ein mutiger Versuch, Freiheit und Verantwortung neu zu verbinden. Es wäre ein Ausdruck von Vertrauen in die Jugend, in die Gemeinschaft und in die Idee, dass wir uns gegenseitig etwas wert sind.
Ich wünsche mir, dass wir diese Diskussion nicht nur technisch, sondern vor allem menschlich führen. Denn am Ende geht es nicht um Kasernen oder Einsatzpläne (so nötig diese auch sein werden!), sondern um die Haltung, mit der wir einander begegnen.
Vielleicht beginnt Sicherheit genau dort: in der Bereitschaft, füreinander einzustehen.
