Es gibt Ereignisse, die uns als Gesellschaft aufhorchen lassen. Der freiwillige gemeinsame Tod der Kessler-Zwillinge gehört sicher dazu. Zwei ältere Frauen, die ein Leben lang unzertrennlich waren, haben sich entschieden, ihr Leben begleitet und vorbereitet zu beenden. Die beiden galten als Zeitzeugen einer ganzen Epoche, als schillernde Figuren im Show-Business, aber hinter alldem kam in den vergangenen Jahren auch noch ein anderes Bild zum Vorschein: da sind zwei Frauen, die mit dem Alter, mit Krankheit und mit dem Verlust ihrer früheren Selbstständigkeit gerungen haben.
Die Reaktionen in Deutschland und darüber hinaus waren vielfältig. Viele Menschen äußerten Respekt vor einer mutigen Entscheidung. Andere spürten Ratlosigkeit. Wieder andere diskutierten erneut die Frage nach der Zulässigkeit des assistierten Suizids; eine Diskussion, die unsere Gesellschaft ohnehin schon seit längerer Zeit beschäftigt.
In den vergangenen Tagen habe ich selbst oft darüber nachgedacht. Dabei bin ich nicht nur ein Beobachter eines medialen Ereignisses, sondern als Mensch und Theologe, der in seinem Alltag immer wieder mit Fragen rund um das Lebensende, mit Sterben, Leiden, Beeinträchtigungen und Abschied mit dem Themenkomplex beschäftigt. Je länger ich darüber nachdenke, desto wichtiger erscheint es mir, nicht einfach vorschnell zu urteilen, sondern behutsam zu verstehen (oder es zumindest zu versuchen).
Die Perspektive der Kessler-Zwillinge: Ein Leben, das zusammen begann und zusammen endete
Über die genauen inneren Beweggründe der beiden Schwestern wissen wir letztlich nur das, was sie öffentlich gesagt haben. Und doch lässt sich aus dem, was bekannt wurde, etwas von Ihrer Haltung erahnen. Das erlaube ich mir zumindest.
Die beiden haben ihr Leben lang eine besondere Beziehung gepflegt. Für viele von uns ist es schwer vorstellbar, wie eng zwei Menschen – noch dazu Zwillinge – miteinander verbunden sein können. Für die beiden war diese Verbundenheit offenbar ein zentraler Teil ihrer Identität. Ihr öffentliches Auftreten, ihre Biografie, ihr Lebensrhythmus, all dies war darauf ausgerichtet, gemeinsam zu leben und gemeinsam gesehen zu werden.
Das Alter, und damit verbunden der Abschied von früheren Möglichkeiten und die zunehmende gesundheitliche Belastung, treffen sie deshalb nicht nur als Einzelne, sondern als Tandem, als Einheit. Ich vermute, dass sie den Verlust ihrer gewohnten Lebensform, den Abschied von ihrer öffentlichen Rolle und das Gefühl, durch körperliche Grenzen immer stärker eingeschränkt zu werden, als eine wirklich tiefgreifende Erschütterung erlebt zu haben.
Der freiwillige und gemeinsam vollzogene Schritt in den Tod wirkte – so zumindest äußerten sie sich – für sie wie ein letzter Ausdruck dieser Einheit. So wie sie gelebt haben, wollten sie gehen: zusammen. Und sie wollten gehen, bevor das Alter ihnen aus Ihrer Sicht zu viel abverlangt.
Dies will ich nicht bewerten. Ich möchte lediglich beschreiben, wie diese Haltung auf mich wirkt. Da ist viel Mut, sicher ist das der Fall. Aber ebenso sicher ist da auch viel Angst. Da ist der Wunsch nach Kontrolle über das eigene Leben und Sterben, da ist ein tiefer Wunsch nach Würde. Eine Würde, die verstanden wird als Selbstbestimmung, als ein Nicht-abhängig-sein-wollen, als Nicht-pflegebedürftig-sein-wollen.
Dass Menschen so empfinden, kann ich gut nachvollziehen. Ich bin oft selbst an Krankenbetten, begleite Sterbende und ihre Familien. Dabei nehme ich wahr, wie schwer es sein kann, wenn ein Mensch das Gefühl hat, sich selbst zu verlieren. Genau deshalb halte ich es für wichtig, diesen Schritt der beiden Schwestern ohne schnelle Urteile zu betrachten. Mir kommt es so vor, als haben sie eine Entscheidung getroffen, die zu ihnen passte. Zu ihrem Lebensstil, zu Ihrer Biografie.
Gleichzeitig gehört zu dieser Betrachtung auch, dass ihre Entscheidung in einer Gesellschaft gehört wird, in der über den assistierten Suizid ohnehin intensiv diskutiert, ja gestritten wird. Genau das führt mich zu einem weiteren Punkt.
Die gesellschaftliche Debatte: Schwierige Fragen ohne einfache Antworten
Der gemeinsame Freitod der beiden Frauen fällt in eine Zeit, in der viele Menschen Orientierung suchen. Unsere Gesellschaft ringt darum, wie sie das Lebensende rechtlich, medizinisch, ethisch und menschlich gestalten will. Der assistierte Suizid ist zwar juristisch möglich, gesellschaftlich aber ist er hoch umstritten.
Um diese Fragen geht es im Diskurs:
- Soll ein Mensch selbst bestimmen dürfen, wann er gehen will?
- Wie schützen wir diejenigen, die nicht frei entscheiden können?
- Wie Sorgen wir dafür, dass sich niemand zum Suizid gedrängt fühlt, weil er sich als Last empfindet?
Aus meiner Perspektive (und das ist nun eine persönliche Überlegung) sehe ich hier sowohl die Chancen einer freien und aufgeklärten Gesellschaft als auch die Risiken einer Kultur, die manchmal, vielleicht auch oft, sehr hohe Ansprüche an Stärke und Selbstständigkeit stellt.
Ich mache mir meine Gedanken, wenn Menschen sagen, sie wollten „niemandem zur Last fallen“. Das ist ein Satz, den ich durchaus häufig höre und er schmerzt. Denn er zeigt, wie groß die Angst vor Abhängigkeit und wie wenig selbstverständlich es heute manchmal ist, dass wir einander tragen.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der wir das Leben auch im Schwächer-werden wertschätzen und in der niemand das Gefühl haben muss, sich rechtfertigen zu müssen, weil er Pflege, Zeit und Begleitung braucht. Außerdem wünsche ich mir eine Debatte, die nicht nur von Freiheit, sondern auch von Verantwortung spricht: Verantwortung für die Alten, für die Einsamen, für die Kranken, für diejenigen, die Angst haben.
In diesem Spannungsfeld steht unsere Gesellschaft und genau hier kann die Kirche einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie mit eigenen Akzenten zum Nachdenken anregt.
Die Perspektive der Kirche: Würde des Lebens und Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit
Wenn ich die Position der Kirche hier darlege, dann tue ich das nicht nur als Beobachter, sondern vor allem aus meiner eigenen Überzeugung heraus. Für mich ist die Würde des Lebens keine theoretische Worthülse. Sie ist ein innerer Kompass. Das Leben eines Menschen ist nach christlichem Verständnis ein Geschenk Gottes und dieses Geschenk bleibt wertvoll, egal ob jemand jung oder alt ist, stark oder schwach, beeinträchtigt, krank oder gesund.
Im Glauben der Kirche gehen wir davon aus, dass das Leben nicht uns selbst gehört. Daraus ergibt sich, dass der Suizid nicht der Weg ist, den Gott für den Menschen vorgesehen hat. Das mag für manche hart klingen, aber im Kern steht dahinter kein Verurteilen. Dahinter steht vor allem der Wunsch, das Leben zu schützen.
Gleichzeitig weist die Kirche um die Zerbrechlichkeit des Menschen. Sie weiß, wie groß seelischer Schmerz sein kann. Sie weiß, wie schwer körperliches Leiden wiegt. Sie weiß auch, dass Entscheidungen am Lebensende oft in einer tiefen inneren Not getroffen werden. Deshalb betont sie zugleich: Gott ist barmherzig. So sieht er die Motive eines Menschen, seine Ängste, seine Verzweiflung, seine Sehnsucht nach Ruhe.
Mich beschäftigt diese Spannung: die klare Wertschätzung des Lebens auf der einen Seite und die große Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit auf der anderen. Diese Spannung ist kein Widerspruch. Sie ist Ausdruck dessen, wie die Kirche mit menschlicher Schwäche umgeht: klar in der Haltung und weich im Herzen.
Begleitung in der Praxis: Seelsorge und Caritas
Wenn ich Menschen am Lebensende begleite, spüre ich immer wieder: Viele wünschen sich so etwas wie einen guten Tod. Einen Tod, der nicht von Einsamkeit, Angst oder Druck beherrscht wird. Einen Tod, bei dem jemand die Hand hält.
Die Seelsorge und die caritativen Dienste der Kirche versuchen genau das zu ermöglichen. Sie bieten Begleitung, Zeit, ein offenes Ohr, Gebet, Trost und Nähe. Nicht jeder Mensch ist religiös und doch spüren viele, das ist gut ist, wenn einfach jemand da ist.
In der Palliativmedizin oder in der Hospiz Arbeit beobachte ich dabei eine ganz besondere Atmosphäre. Es ist eine Mischung aus Professionalität, Zuwendung und Würde. In ihr wird der Schmerz behandelt und ebenso die Angst und es wird sowohl der Körper gepflegt als auch das Herz beruhigt. Hier kann ein Mensch loslassen, ohne sich zurückziehen zu müssen.
Für mich sind Hospize Orte, in denen ein guter Umgang mit Sterben sichtbar wird. Ein Sterben, das nicht beschleunigt, aber auch nicht unnötig erschwert wird. Ein Sterben, das eingebettet ist in Menschlichkeit.
Wenn Angehörige spüren, dass ihre Mutter, ihr Vater, ihre Schwester nicht alleine ist, dann lösen sich manchmal Ängste, die vorher unüberwindbar schienen. Sie sagen mir dann durchaus Sätze wie: „Ich wusste nicht, dass Sterben so friedlich sein kann.“
Diese Beobachtungen bestärken mich in meinem Gedanken, dass der assistierte Suizid nicht die einzige Antwort auf Angst und Schmerz sein muss. Es gibt Wege, die nicht den Tod beschleunigen, sondern das Leben gut zu Ende gehen lassen.
Fazit
Wenn ich auf den Freitod der Kessler-Zwillinge blicke, sehe ich zwei Frauen, die nach ihrem eigenen Verständnis einen selbstbestimmten Weg gegangen sind. Darüber urteile ich nicht. Gleichzeitig spüre ich, wie wichtig es ist, daraus Fragen für unsere Gesellschaft und auch für die Kirche mitzunehmen.
Die Kirche erinnert uns daran, dass jedes Leben, auch das schwächer werdende, von Gott geliebt und gewollt ist. Sie hält uns an, den Wert eines Menschen nicht an seiner Selbstständigkeit zu messen. Sie bietet eine Sicht auf das Leben, die über den Tod hinausweist. Diese Sicht ist nicht immer bequem, aber sie ist sicher ein Schutzraum für alle, die sich nicht stark fühlen.
Gleichzeitig sehe ich auch, dass diese Haltung nur dann glaubwürdig ist, wenn sie in der Praxis mit Leben gefüllt wird. Ich erlebe Einrichtungen und Menschen in der Kirche, die genau das tun: sie begleiten, sie hören zu, sie tragen mit. Hospize, Palliativ-Stationen und seelsorgliche Angebote zeigen, wie ein würdevoller Umgang mit Sterben aussehen kann.
Der Schutz des Lebens ist allerdings nicht allein eine kirchliche Aufgabe. Es ist eine Aufgabe für uns alle. Für meine eigene Person, für Angehörige, Pflegekräfte, Mediziner, Seelsorger, politische Entscheidungsträger, letztlich für jeden, der einem anderen Menschen begegnet.
Eine Gesellschaft, die Schwäche eben nicht als Last versteht, sondern als Teil des Menschseins, wird auch Menschen am Lebensende besser begleiten können. Vielleicht nimmt sie dann ein wenig von der Angst, die viele heute empfinden.
Ich hoffe wirklich, dass wir bei aller Diskussion über den assistierten Suizid nicht vergessen, worum es im Kern geht: um Menschen. Um ihre Sorgen, Ihre Wünsche, ihre Verletzlichkeit. Und es geht um die Frage, wie wir unserem Nächsten in Liebe und Respekt begegnen können, auch auf der letzten Wegstrecke des Lebens.
Quellen
Alice und Ellen Kessler im Gespräch bei Markus Lanz aus dem Jahr 2011: https://www.youtube.com/watch?v=-KA4kUrBo0k (letzter Aufruf vom 1. Dezember 2025)
Radio-Doku zum Themenbereich Assistierter Suizid auf Deutschlandfunk Kultur: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ich-sage-also-heute-schon-tschuess-assistierter-suizid-in-deutschland-dlf-kultur-e8e3ee63-100.html (letzter Aufruf vom 1. Dezember 2025)
Gemeinsame Stellungnahme des Katholischen Büros Berlin und des Deutschen Caritasverbandes zur Regulierung der Suizidassistenz: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ich-sage-also-heute-schon-tschuess-assistierter-suizid-in-deutschland-dlf-kultur-e8e3ee63-100.html (letzter Aufruf vom 1. Dezember 2025)
Fernseh-Doku beim ZDF zur Hospizarbeit, Palliativversorgung, Begleitung von Sterbenden und deren Angehörigen: https://www.youtube.com/watch?v=5g3xSrnVW54 (letzter Aufruf vom 1. Dezember 2025)
Bericht über einen Besuch im Caritas-Hospiz Coburg auf iTVCoburg: https://www.youtube.com/watch?v=S0DK2HqM9j8 (letzter Aufruf vom 1. Dezember 2025)
