Der Ton in der Politik verändert sich und mit ihm verändert sich das Land. Zwischen unbedachten Zwischenrufen, gezielten Provokationen und einer Lust am Spott entsteht ein Klima, das weit über Parlament hinausreicht. In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, warum politische Verrohung kein isoliertes Phänomen ist, sondern ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Stimmung und warum der Weg zu einer gesunden politischen Kultur bei uns allen beginnt.
Ein Moment, der mehr zeigt als ein Zwischenruf
Manchmal genügt ein einziger Zwischenruf, um zu zeigen, wie weit sich die politische Kultur von ihrer eigenen Aufgabe entfernt hat. In den vergangenen Jahren häuften sich Momente, in denen Worte im falschen Augenblick fielen, Lachen unangebracht war oder der Tonfall etwas verriet, das tiefer liegt als ein simpler sprachlicher Ausrutscher. Die politische Verrohung in unserem Land wirkt inzwischen nicht mehr wie ein Randphänomen, sondern wie ein Symptom eines Systems, dass seine Mäßigung zu verlieren droht.
Wenn der Respekt im Parlament bröckelt
Als im Berliner Abgeordnetenhaus der spöttische Satz „Mannheim ist tot?“ fiel und Gelächter folgte, offenbarte sich darin ein Mangel an Empathie und Haltung. Das Politikerinnen wie Tuba Bozkurzt später zurecht kritisiert wurden und Parteikollegen wie Omid Nouripour sich entschuldigten, ändert nichts daran, dass der eigentliche Schaden nicht erst im Plenarsaal entstand, sondern bereits vorher in der Gesellschaft. Bürger fragen sich durchaus, ob diejenigen, die politische Verantwortung tragen, noch bewusst ist, was diese Verantwortung bedeutet.
Ähnlich verhält es sich mit den offenen Grenzüberschreitungen mancher Bundestagsabgeordneten wie Martin Sichert,Steffen Janich und Kay Gottschalk. Ordnungsrufe dienen längst nicht mehr der Disziplinierung, sondern werden von manchen bewusst eingesetzt, um die parlamentarische Verhaltensweise selbst in Frage zu stellen. Doch wer Regeln bricht, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, verletzt die Würde des Parlaments und am Ende auch die der Demokratie. Für die genannten Personen können wir durchaus fragen, ob nicht genau das gewollt ist.
Sprache als Machtmittel und Waffe
Besonders sichtbar wurde die Verrohung in der Debatte um die sogenannten Politikerbeleidigungen. Was als rechtspolitische Frage begann, verwandelte sich schnell in eine lautstarke Auseinandersetzung voller Unterstellungen und persönlicher Angriffe. Sprache ordnet nicht mehr, sie reizt. Statt Klärung entsteht Vernebelung.
Auch abwertende Äußerungen von Spitzenpolitikern tragen dazu bei. Als der damals noch amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz einen politischen Gegner als Hofnarr bezeichnete, wurde deutlich, wie brüchig die Grenze zwischen Kritik und Herabsetzung geworden ist. Diese Art von Spott aus dem Zentrum der Macht beschädigt die politische Kultur weit über den eigenen Anlass hinaus. Wer so spricht, senkt das Niveau und das nicht nur für einen Augenblick, sondern dauerhaft.
Opferinszenierung und die moralische Schwäche dahinter
Zur Verrohung gehört außerdem etwas Paradoxes: Politiker präsentieren sich als Opfer. Strafanzeigen wegen Beleidigungen, wie sie etwa Robert Habeck, Annalena Baerbock oder Friedrich Merz stellen, mögen rechtlich zulässig sein. In der Summe jedoch entsteht der Eindruck, in denen die betroffenen Personen überempfindlich wirken. Die Doppelmoral wird besonders sichtbar, wenn Politiker wie Alice Weidel Paragraf 188 StGB öffentlich angreifen und ihn zugleich massenhaft nutzen.
Diese Opferinszenierungen sind mehr als rhetorische Strategien. Sie offenbaren ein Unvermögen, Kritik auszuhalten und verstärken das Misstrauen vieler Bürger gegenüber den politisch handelnden Akteuren.
Wenn Institutionen Schaden nehmen
Erschreckend ist die zunehmende Entfremdung zwischen Politik und Sicherheitsbehörden. Spöttische Bemerkungen über Polizisten, pauschale Unterstellungen oder abwertende Gesten untergraben das Vertrauen. Innenpolitiker wie Iris Spranger warnen zu Recht vor einer Entwicklung, die nicht nur die Arbeit der Polizei, sondern das Ansehen des Staates selbst schwächt.
Eine Demokratie, die ihre eigenen Institutionen verspottet, zerstört die Grundlagen, auf der sie steht.
Die tieferen Ursachen: Dauerpräsenz und Erregungsdruck
Politische Kommunikation war und ist selten frei von Konflikten. Doch früher gab es eine gewisse Selbstbeherrschung, die Debatten beeinflusst hat. Heute stehen Politiker unter permanentem Sichtbarkeitsdruck. Jeder Satz wird bewertet, jede Unsicherheit kommentiert, jede Unschärfe ausgeschlachtet.
Die Versuchung, durch Schärfe Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist groß. Doch diese schärfe frisst eine Kultur, die lösungsorientiert Politik gestalten will, auf. Historisch zeigt sich: Demokratien funktionieren und gedeihen dort, wo Maß und Verantwortung gelebt werden.
Eine (leise) theologisch-philosophische Dimension
Zwischen den Zeilen zeigt sich etwas, das tiefer reicht als parteipolitische Auseinandersetzungen. Sprache ist ein Ausdruck des inneren Zustandes. Wo Worte verletzen, ist meistens auch das Denken verletzt. Eine Kultur, die den Wert des Menschen ernst nimmt, achtet darauf, wie sie spricht. Verantwortung ist somit nicht nur politisch, sondern auch menschlich. Wahrheit, Maß und Würde sind keine abstrakten Tugenden, sondern Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben.
Diese Dimension muss nicht laut benannt werden. Sie wirkt leise und sie trägt.
Wenn Politik verroht, verroht am Ende auch die Gesellschaft
Bürger beobachten genau, wie Politiker agieren. Die politische Kultur prägt den gesellschaftlichen Umgang. Spott oben erzeugt Spott unten. Verrohung in Debatten erzeugt Verrohung in sozialen Netzwerken, am Arbeitsplatz und im privaten Gespräch. Die politische Kultur ist somit kein isolierter Bereich, sondern ein Modell.
Die Frage, wohin ein Land sich entwickelt, entscheidet sich auch am Ton seiner Politik.
Zurück zur Mäßigung
Der Ausweg beginnt nicht mit neuen Gesetzen und Verordnungen, sondern mit Haltung. Verantwortungsträger müssen Sprache wieder als ein Werkzeug begreifen, nicht als Waffe. Bürger dürfen von der Politik Mäßigung verlangen, müssen sie aber auch selbst leben.
Eine Gesellschaft, die Respekt einübt, gewinnt Klarheit. Eine Demokratie, die auf Maß und Mitte vertraut, gewinnt Stärke. So entsteht jene politische Reife, die nicht auf Lautstärke baut, sondern auf Haltung.
Quellen
- Tagesspiegel- bzw. Focus Online‑Video bei YouTube: „Grüne lachen bei Debatte über toten Polizisten“ – Mitschnitt aus dem Plenarsaal, in dem der Zwischenruf „Mannheim ist tot?“ und die Reaktion von Iris Spranger („Ich würde darüber nicht lachen“) zu sehen und zu hören sind, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=qCCakhl5TEE (letzter Aufruf vom 10. Dezember 2025)
- ZDFinfo-Doku „Die Wahrheit der anderen: Reichsbürger, Neue Rechte und Radikalisierung“ zur Radikalisierung im Internet, Delegitimierung des Staates und demokratiegefährdenden Milieus, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=xb9vb9pWH5w (letzter Aufruf vom 10. Dezember 2025)
- Deutschlandfunk Kultur: „Geschichte der Bundestagsdebatten“ zur Entwicklung der Debattenkultur, Zuspitzung der Rhetorik und veränderten Umgangsformen im Bundestag, inkl. Blick auf die Rolle der AfD und die Vergiftung der Debattenkultur, abrufbar unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/debattenkultur-bundestag-rhetorik-schlagabtausch-100.html (letzter Aufruf vom 10. Dezember 2025)
- Wortbeiträge in einer phoenix‑Übertragung: „Übergriffe auf Journalisten bedrohen Pressefreiheit“ (ARD / phoenix via YouTube), thematisiert, dass Respektlosigkeit mit Sprache beginnt und wie sprachliche Entgleisungen aus dem Parlament in die Gesellschaft wirken, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=6HP9zR9YYQk (letzter Aufruf vom 10. Dezember 2025)
- Übersicht zu § 188 StGB („gegen Personen des politischen Lebens gerichtete Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung“) für die rechtliche Einordnung der Verfahren gegen Bürger wegen Äußerungen über Politikerinnen und Politikern, abrufbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Gegen_Personen_des_politischen_Lebens_gerichtete_Beleidigung,_üble_Nachrede_und_Verleumdung(letzter Aufruf vom 10. Dezember 2025)
- Diverse Plenarprotokolle des Deutschenbundestages, die die Debattenkultur im Deutschen Bundestag dokumentieren, die allerdings aufgrund des Ausmaßes hier nicht detailliert wiedergegeben werden können, sind abrufbar unter https://www.bundestag.de
