Wer den Zustand der Kirche in Deutschland betrachtet, sieht vor allem ihre Krise. Der Blick nach Frankreich, Großbritannien oder in die Vereinigten Staaten zeigt jedoch ein anderes Bild. Dort, wo man es kaum erwarten würde, gibt es Gemeinden mit jungen Menschen, die bewusst den Schritt in die Kirche gehen, vielleicht auch wagen. Ihre Beweggründe erzählen viel darüber, was auch in unserer Gesellschaft wieder wachsen kann. Denn hinter der Vielfalt der Kontexte steht ein gemeinsames Motiv: eine neue Sehnsucht nach Tiefe.
In Frankreich etwa haben – wie in Deutschland auch – Missbrauchsskandale das Vertrauen erschüttert. Die Folge war und ist, dass sich auch hier Menschen von der katholischen Kirche abgewendet haben, so ist die Zahl der Kindertaufen stark gesunken. Doch melden sich gegen diesen Trend aktuell deutlich mehr Erwachsene zur Taufe an als noch vor wenigen Jahren. Menschen, die ohne religiöse Prägung aufgewachsen sind, erzählen von Momenten, die sie innerlich nicht mehr losgelassen haben. Ein Gefühl, das ihnen nicht erklärbar war und ist. Ein Impuls, der sie in eine Kirche geführt hat, die sie eigentlich gar nicht suchten. Was Sie fanden, war nicht ein Verein, sondern eine Frage: Kann Gott wirklich etwas mit meinem Leben zu tun haben?
Diese Geschichten von Menschen sind keine Massenbewegung und doch markieren sie eine Trendwende. Ähnliches beobachten Soziologen in Spanien, wo erstmals seit vielen Jahren wieder mehr junge Menschen den katholischen Glauben als Teil ihrer Identität benennen. In den USA zeigt sich schon seit längerer Zeit, dass besonders diejenigen Gemeinden wachsen, dir ein klares Profil haben. Die jüngere Generation scheint also nicht abgeschreckt vom Glauben der Kirche, sondern von Beliebigkeit.
Der Überdruss an Oberflächlichkeit und die Frage nach Tiefe
In Europa leben viele Menschen in einem Umfeld, das wenig Halt bietet, so kommt es mir jedenfalls vor. Das Leben ist offen, aber oft unübersichtlich. Man kann fast alles tun, aber vieles fehlt: Sinn, Orientierung, Gemeinschaft. Nicht wenige spüren irgendwann, dass unendlich viele Wahlmöglichkeiten auch ermüden können. Der Abstand zum Glauben entsteht heute nicht so sehr aus einer Gegner- oder sogar Feindschaft, sondern aus Überforderung. Gerade daraus wächst der Wunsch nach etwas, das nicht bloß Stimmung ist, sondern Substanz hat.
Vor allem gerade junge Menschen – Jugendliche wie junge Erwachsene – haben heute oft weniger Angst vor einer klaren Lehre, als wir meinen. Dies beobachte ich. Sie suchen eher nach etwas, das Ihnen zeigt, wofür es sich zu leben lohnt. Dabei sind Liturgie, Rituale und Traditionen eben nicht altmodisch, sondern attraktiv. Sie bieten einen Raum, in dem Zeit nicht einfach zerrinnt und Bedeutung nicht flüchtig ist. Mitten in einer hektischen Welt kann eine ruhige Kirche, eine geordnete Liturgie oder ein stilles Gebet tief berühren.
In Frankreich wird zusätzlich ein wichtiger Faktor: der sichtbare Islam macht religiöse Selbstverständlichkeit wieder zum Thema. Viele Muslime leben ihren Glauben sehr sichtbar und manche Christen fragen sich in diesem Umfeld neu, wie sie ihre eigene Tradition verstehen und leben wollen. Dieser Effekt muss nicht automatisch polarisieren. Er kann sogar helfen, das eigene Profil wieder zu finden.
Gemeinden mit Ausstrahlung und was sie verbindet
Trotz aller Unterschiede lassen sie sich in den lebendigen Gemeinden anderer Länder gemeinsame Merkmale erkennen. Sie stellen Christus in die Mitte und nicht die Struktur oder eine Art Vereinsleben oder kirchenpolitische Themen. Sie vermitteln glauben nicht als Meinung, sondern als Begegnung und Lebensart. Ihre Gemeinschaften wirken nicht durch Perfektion, sondern durch Nähe und Ihre Liturgie, ob einfach oder feierlich, spricht eine Sprache, die die Seele erreicht.
Solche Gemeinden sind weder nostalgisch noch zeitgeistig, sondern gut balanciert. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart, ohne sich von der einen oder der anderen Seite bestimmen zu lassen, so dass Tradition und Moderne keine Gegensätze sind.
Schlussfolgerungen für die Kirche in Deutschland
Die katholische Kirche in Deutschland kann aus diesen Entwicklungen – so denke ich – viel lernen. Nicht durch kopieren, sondern durch eine neue Entschiedenheit. Der Kern des Evangeliums sollte wieder stärker hörbar werden. Die Fixierung auf Strukturen, wie sie die letzten Jahre und auch unsere Gegenwart geprägt hat, lässt viele Menschen kalt. Der Glaube verliert nicht deshalb an Kraft, weil er alt und scheinbar abgenutzt ist, sondern weil er zu selten klar und einladend verkündet und gelebt wird.
Beschäftigt sich die Kirche – und das gilt auch für jede einzelne Gemeinde – mit Christus, dann hat sie eine Gegenwart und auch eine Zukunft. Dies gilt in Frankreich, in Großbritannien, in Spanien und den Vereinigten Staaten. Dies gilt auch bei uns. Menschen suchen keine Institutionen, die sich selbst verwalten und mit sich selbst beschäftigt sind. Sie suchen einen Ort, an dem sie Gott begegnen können und an dem daraus eine Gemeinschaft entsteht, die trägt.
Mut zum Glauben entsteht nicht durch Druck, sondern aus Wahrheit, Schönheit und Nähe. Wer heute katholisch lebt, tut das immer seltener aus Gewohnheit und immer häufiger aus Überzeugung. Darin liegt ein enormes Potential. Vielleicht liegt gerade hier die stille Hoffnung für die Kirche in Deutschland: dass neue Wege entstehen, weil Menschen wieder fragen, wer Christus für Sie ist und was es heißt, ein Leben aus dem Glauben zu führen.
