(Artikel 1 der Serie „Das christliche Menschenbild“)

Ein großes Wort, das sich im Kleinen entscheidet

Es gibt Wörter, die so groß sind, dass man sie fast nicht mehr richtig hört. Menschenwürde ist so ein Wort. Oft hören wir es in Talkshows, Parlamenten und Sonntagsreden. Doch nicht in großen Sätzen entscheidet sie, die Menschenwürde, sich, sondern eher in kleinen Gesten: wie wir über andere sprechen, wie wir mit den Schwächsten umgehen, wie wir Recht setzen, wie wir Macht begrenzen.

Ebenbild Gottes und die Unabhängigkeit von Leistung

Der biblische Ausgangspunkt für unser heutiges Verständnis vom Begriff der Menschenwürde ist erstaunlich schlicht. In der Schöpfungserzählung heißt es: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild“ (Gen 1,27). Das klingt zunächst nach religiöser Poesie. Als Idee allerdings ist es durchaus explosiv. Denn hier wird dem Menschen etwas zugesprochen, das nicht von Erfolg, Gesundheit, Nützlichkeit, Herkunft oder Moral abhängt. Nicht der Staat verleiht würde, nicht eine Mehrheit, nicht einmal die Familie. Würde ist keine Auszeichnung wie eine Medaille. Sie ist ein Grund, ein Fundament.

In der christlichen Sicht bleibt dieses Fundament auch dann bestehen, wenn ein Mensch scheitert. Der Sünder, der Straftäter, der Abhängige, der Zyniker, der, der andere verletzt hat: er bleibt Mensch. Er bleibt von Gott angesprochen. Das ist keine billige Verharmlosung von Schuld. Es ist die Unterscheidung zwischen Tat und Person. Schuld braucht Wahrheit und Verantwortung. Würde braucht Schutz, gerade dann, wenn jemand sich selbst nicht mehr schützen kann.

Artikel 1 des Grundgesetzes: Würde als politischer Schutzraum

Politisch ist diese Einsicht in Deutschland sehr klar ausgedrückt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1 GG). Das ist kein religiöser Satz, allerdings ist er mit einer Erfahrung bezahlt: das Starten, wenn sie die Würde eines Menschen von bestimmten Umständen abhängig machen, früher oder später Personen aussortieren. Die erste Lektion lautet deshalb: Würde ist für jeden gleich und unveräußerlich. Man kann sie nicht verdienen, aber man kann sich verletzen.

Was daraus folgt: Rechte, soziale Fragen und Grenzen der Macht

Was folgt daraus, jenseits des feierlichen Toons in Reden und Ansprachen?

Erstens: Menschenrechte sind nicht lediglich nach „westlichem Geschmack“, sondern Schutzräume. Wer zum Beispiel die Folter verbietet, schützt nicht nur die Opfer, sondern eine ganze Gesellschaft vor der Gewöhnung an Unmenschlichkeit. Wer das Recht auf ein faires Verfahren verteidigt, verteidigt zugleich die Idee, dass auch der Verdächtige kein Freiwild ist. Das klingt vielleicht manchmal sperrig, gerade wenn Ängste im Raum stehen. Aber genau dann zeigt sich, ob Würde mehr ist als eine Dekoration.

Zweitens: Würde ist ein Kriterium für soziale Fragen. Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld, sondern oft auch ein Mangel an Anerkennung. Wer dauerhaft am Rand einer Gesellschaft lebt, erlebt schnell, das vor allem über ihn gesprochen wird, nicht mit ihm. Die katholische Soziallehre hat dafür ein feines Gespür. Nach ihrem Verständnis ist der Mensch Person, nicht Objekt. Deshalb gehören zur Würde auch Bildungschancen, Zugang zum Gesundheitssystem, Schutz vor Ausbeutung, ein Rechtsstaat also, der nicht nur auf dem Papier besteht.

Drittens: Würde ist ein Prüfstand in den Kulturkämpfen unserer Zeit. Beim Thema Migration zum Beispiel prallen verschiedene gute Gründe für die eine oder die andere Position aufeinander: Schutzbedürftige Menschen, Grenzen der Aufnahmefähigkeit, Angst vor Kontrollverlust, Integrationsfragen, innere Sicherheit. Eine angemessene und würdige Politik fängt mit zwei Sätzen an, die zusammengehören: 1. Jeder Mensch ist Träger der gleichen Würde. Und – 2. – jeder Staat hat das Recht und die Pflicht, Ordnung zu schaffen. Wer vor allem nach dem ersten Satz handelt, wird schnell naiv. Wer nur nach dem zweiten Satz agiert, wird schnell hart. Christlich und klug ist es, beide Aspekte im Blick zu behalten: Schutz für Verfolgte, klare Verfahren, faire Lastenteilung in Europa und eine Integrationspolitik, die nicht nur fordert, sondern auch befähigt.

Viertens: Würde stellt uns vor Fragen an den Rändern des Lebens. Abtreibung, Sterbehilfe, Pflege, pränatale Diagnostik. Hier wird es ungemütlich, weil es nicht um einfache Schwarz-Weiß-Debatten geht, sondern um Tragödien, Angst und Schuld. Die katholische Position ist klar: Würde gilt vom Anfang des Lebens bis zu seinem Ende. Gleichzeitig muss ein würdiger Umgang mit Konflikten auch die Not von Menschen sehen, die sich überfordert fühlen und die Einsamkeit der Menschen, die sterben. Eine Gesellschaft, die das Leben schützen will, muss Hilfe so anbieten, dass sie real ist: Beratung, Unterstützung, Zeit, Pflege, Hospiz und insgesamt eine Kultur, in der Schwäche nicht versteckt werden muss.

Fünftens: Würde ist politisch auch eine Warnung für Übergriffigkeit. Moderne Staaten können viel, manchmal zu viel. Wenn der Mensch nur noch als Datensatz erscheint, als zu steuerndes Verhalten, als Risiko, als Kostenfaktor, dann ist seine Würde in Gefahr. Eine Politik, die sich an christlichen Grundsätzen orientiert, muss hier misstrauisch werden. Macht braucht Grenzen, Kontrolle und Transparenz. Die Freiheit eines Menschen ist dabei so etwas wie ein Schutzmantel der Würde.

Der Ernstfall: Würde, wenn es uns etwas kostet

Am Ende läuft alles auf eine einfache, aber unbequeme Frage hinaus: Wem gestehen wir Würde zu, wenn es uns etwas kostet? Dem Ungeborenen, dem Demenzkranken, dem Geflüchteten, dem politischen Gegner, dem Straftäter, dem Alten, der nicht mehr „leistet“? Es fällt uns leicht, Würde zu bejahen, solange sie nur die betrifft, die wir mögen. Der Ernstfall beginnt dort, wo Würde den Blick weitet und gleichzeitig unsere Hände bindet. In diesem Sinne ist nicht alles, was möglich ist auch erlaubt und nicht alles, was nützlich ist, gut.

Menschenwürde ist am Ende kein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung, die zwar in Gesetzen sichtbar wird, aber im Herzen anfängt.