(Artikel 2 der Serie „Das christliche Menschenbild“)

Zwischen Sentimentalität und politischer Keule
Nächstenliebe wird oft missverstanden. Manche halten sie für eine Moral, die eher in den privaten Bereich gehört: Sei freundlich, hilf ein bisschen, spende an Wohltätigkeitsorganisationen. Andere machen daraus eine politische Keule: Wer nicht jede Forderung erfüllt, hat keine Liebe in sich. Beides greift deutlich zu kurz. In der biblischen Tradition ist Nächstenliebe weder bloße Sentimentalität noch eine politische Parole. Sie ist eine Art Schule des Blicks, die sowohl den Menschen als auch Institutionen verändert.
Doppelgebot der Liebe, barmherziger Samariter und Christus in den Bedürftigen
Jesus fast das Gebot zur Liebe so zusammen: Gott lieben und „deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mk 12,31). Das ist nicht nur ein Gebot, sondern auch eine Priorität. Außerdem erzählt er eine Geschichte, die es bis heute in sich hat: der barmherzige Samariter (Lk 10,25-37). Der Samariter ist in der damaligen Vorstellung der Falsche, der Fremde, der aus der anderen Gruppe, die doch eigentlich nicht dazugehört. Ausgerechnet er wird zum Maßstab.
Wichtig ist dabei, dass der Nächste nicht zuerst der Sympathieträger ist. Der Nächste ist der, der schlicht und einfach Hilfe braucht. Und derjenige, der hilft, macht sich selbst zum Nächsten. Liebe wird hier konkret: Verband, Öl, Geld, Zeit, Risiko.
Noch deutlich wird es in Mt 25, wo Jesus sich mit den Bedürftigen identifiziert: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Hier verschiebt sich etwas radikal. Gott ist nicht nur in seinem „heiligen Bereich“, dem Tempel etwa oder der Heiligen Schrift, sondern gerade im Hilfsbedürftigen zu finden. Wer das ernst nimmt, kann soziale Fragen nicht einfach als Nebensache behandeln.
Solidarität als gelebt Ordnung
Politisch wird dieses Verhalten oft mit Solidarität übersetzt. Ein Begriff, der manchmal kalt klingt, aber anders gemeint ist: Wir stehen füreinander ein, weil wir zusammengehören. In der Bundesrepublik Deutschland ist das sichtbar im Sozialstaat, in Kranken- und Rentenversicherung, im Schutz bei Arbeitslosigkeit und in der Pflege. Das sind nicht lediglich technische Systeme. Es ist ein institutionalisiertes Mitgefühl, mit Regeln, Beiträgen, Kontrollen und manchmal auch mit Auseinandersetzungen und Streit. Die Grundidee aber ist: Niemand soll fallen gelassen werden.
Die Katholische Soziallehre verbindet Solidarität mit Personalität und Subsidiarität. Personalität heißt: Jeder ist Person, nie Mittel. Subsidiarität heißt: Hilfe soll so nah wie möglich an der Lebenswelt ansetzen. Nicht alles muss der Staat machen, aber der Staat muss die Grundlagen schaffen und erhalten. Solidarität ist das Band dazwischen. Wir übersehen die Verantwortung nicht, auch wenn die Mittel fehlen und finden Lösungen.
Aktuelle Prüfung: Armut, Migration, Ausgrenzung
Sichtbar wird dies aktuell an mehreren Stellen.
Beim Thema Armut etwa. Deutschland ist wohlhabend, und doch erleben viele Menschen, dass sie trotz Arbeit kaum über die Runden kommen oder das sie andere Schwierigkeiten haben, wie zum Beispiel mangelnde Sprachkenntnisse, problematische Wohnverhältnisse oder schlicht die Kraft und die Nerven, im Alltag zu bestehen. Solidarität heißt hier nicht romantisch: „Dann teilen wir eben.“ Solidarität heißt: wir bauen Strukturen, die einen Aufstieg ermöglichen. Gute Schulen, bezahlbare Wohnungen, eine verlässliche Familienpolitik, ein Arbeitsmarkt, der nicht auf Verschleiß ausgerichtet ist. Und ja, das bedeutet auch, dass Leistung sich lohnen soll. Wer Leistungsgerechtigkeit vergisst, verliert Akzeptanz. Wer allerdings auf der anderen Seite nur Leistung kennt, übersieht die, die ohne eigenes Verschulden nicht mithalten können.
Beim Thema Migration wird Solidarität besonders anspruchsvoll. Denn hier geht es um Solidarität nach außen und nach innen zugleich. Christen werden nicht darum herumkommen, Schutzbedürftige zu sehen. Gleichzeitig halte ich es für verantwortungslos, die Belastungsgrenzen von Kommunen, Schulen, dem Wohnungsmarkt und der Integrationsarbeit zu ignorieren. Eine solidarische Linie ist deshalb weder eine Politik des „alle sollen reinkommen“ noch ein „alle sollen raus“, sondern: klare Regeln, humane Standards, konsequente Rückführung dort, wo kein Schutzgrund besteht und eine echte Integration für Menschen, die bleiben. Außerdem kommt auch eine europäische Komponente hinzu, nämlich die faire Verteilung, Schutz der Außengrenzen in Rechtsbindung und legale Wege. Solidarität ohne Ordnung wird chaotisch. Ordnung ohne Solidarität wird unmenschlich.
Auch beim Thema Rassismus und Ausgrenzung hat Solidarität eine hohe Bedeutung. Sie ist ein Test, ob wir in unserer Gesellschaft wirklich glauben, das Würde jedem Menschen gleichermaßen zukommt. Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an Migration oder anderen Kulturen gleich „rassistisch“ ist. Es bedeutet aber, dass wir Menschen nicht auf ihre Herkunft reduzieren, ihnen nicht pauschal schlechte Absichten unterstellen und dass wir auch den Mut haben, Fehlentwicklungen ehrlich zu benennen.
Persönlich, aber nicht privat
Am Ende ist Nächstenliebe etwas sehr Realistisches. Sie sieht den Menschen, nicht die Kategorie. Sie ist parteilich für den Schwachen und gleichzeitig nicht blind für Ordnung. Sie ist bereit zu geben, sie weiß aber auch: dauerhafte Hilfe braucht Strukturen. Wer immer nur spontane Barmherzigkeit fordert, überfordert den Einzelnen. Wer nur Systeme baut, die kein „Herz“ haben, entmenschlicht.
Eine Pointe zum Schluss: Nächstenliebe beginnt persönlich, aber sie bleibt nicht privat. Sie will Politik nicht ersetzen, aber sie setzt ihr einen Maßstab. Sie erinnert uns daran, dass ein Gemeinwesen am Ende nicht daran gemessen wird, wie effizient es funktioniert, sondern daran, wie es mit den „Verwundeten“ umgeht.
Bildquelle:
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