(Artikel 3 der Serie „Das christliche Menschenbild“)

Freiheit wird oft zu klein gedacht
Freiheit ist ein Lieblingswort unserer Zeit, zugleich wird es oft – so denke ich – missverstanden. Viele meinen: Freiheit ist, wenn mir niemand reinredet, wenn ich einfach machen kann, was ich will. Andere meinen: Freiheit ist, wenn der Staat alles regelt, damit ich sorgenfrei leben kann. Beides trifft durchaus zu, aber beides ist auch zu schmal gedacht. Aus christlicher Perspektive ist Freiheit ein Geschenk, das auf Beziehung zielt. Zugleich ist es politisch ein empfindliches Gut, das ein erhebliches Maß an Verantwortung braucht, damit es nicht zerbricht.
Freiheit des Gewissens: Entlastung vor Gott
Theologisch beginnt es mit einer Entlastung: Der Mensch muss sich vor Gott nicht rechtfertigen, indem er sich selbst erlöst. Das ist der Kern dessen, was man Rechtfertigung nennen kann. Daraus folgt eine Freiheit des Gewissens: Ich bin nicht wertvoll, weil ich perfekt bin. Ich bin wertvoll, weil ich von Gott angenommen bin. Das ist keine einfach bequeme Sichtweise, sie ist eine, die mutig macht. Wer nicht ständig um seinen Wert kämpfen muss, kann Verantwortung übernehmen, ohne dabei zu verkrampfen. Paulus bringt das in eine Richtung, die oft übersehen wird: Freiheit ist nicht Willkür! Sie steht unter dem Maß der Liebe. Frei ist nicht der, der nur sich selbst durchsetzt, sondern der, der sich selbst geben kann, ohne sich zu verlieren. Das ist ein anderes Freiheitsverständnis das als das gängige: nicht Freiheit von allem, sondern Freiheit zu etwas.
Die politische Freiheitsarchitektur Europas
Politisch hat dieses Freiheitsverständnis in Europa Früchte getragen: Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit. Diese Rechte sind kein Luxus, sie sind vor allem Schutzrechte gegen Machtmissbrauch. Gerade Deutschland hat gelernt, wie gefährlich es ist, wenn politische Systeme, Staaten oder Parteien, Wahrheit definieren und Menschen zum Schweigen bringen. Deshalb gehören unabhängige Gerichte, freie Medien, demokratische Kontrolle und durchaus auch föderale Strukturen zu unserer Freiheitsarchitektur.
Drei Versuchungen: Egoismus, Überforderung und Kontrolle
Im Blick auf unsere gegenwärtige Gesellschaft können wir festhalten, dass Freiheit verletzlich ist. Sie kann meines Erachtens in drei Richtungen kippen.
Erstens in Egoismus: Wenn Freiheit nur noch Selbstverwirklichung ist, werden Bindungen lästig. Dann wird Verantwortung als Zumutung empfunden, Kinder als Einschränkung, Pflege als Störung, die Familie als Projekt, das abgebrochen wird, wenn es mühsam wird. Das Ergebnis ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern gesellschaftlich teuer: Einsamkeit, psychische Last, zerbrechende Solidarität sind die Folgen. Eine moderat konservative Perspektive wird hier sagen: Freiheit braucht Formen. Nicht als Käfig, sondern als Gerüst. Ehe, Familie, Vereine, Gemeinden, Nachbarschaft, all das sind Räume, in denen Freiheit lernt, sich selbst zu begrenzen, ohne zu ersticken.
Zweitens kippt Freiheit leicht in Überforderung: Wenn alles zur Wahl gestellt wird, wird das Leben schwer. Viele spüren dies in den vielen Optionen, die wir haben, im ständigen Vergleichen, in der dauernden Optimierung. Christlich gesprochen kann dem entgegengesetzt werden, dass der Mensch eben mehr ist als ein Projekt. Politik kann das nicht lösen, aber sie kann Bedingungen schaffen, die nicht permanent den Druck erhöhen. Dies gelingt durch verlässliche Arbeitszeiten, dem Schutz vor Ausbeutung und insgesamt einer Kultur, die nicht nur die Lauten und Auffälligen belohnt.
Drittens kann Freiheit in eine zu ausgeprägte Kontrolle kippen: Moderne Technik und die Logik unserer permanenten Krisen verführen dazu, immer mehr zu überwachen, zu regulieren und zu lenken. Natürlich braucht es Regeln, ohne sie geht es nicht, etwa in Fragen der Sicherheit, der Gesundheit und unserer Umwelt. Aber ein freiheitlich orientierter Staat muss Eingriffe begründen, begrenzen und die damit verbundenen Regelungen auch wieder zurück bauen, wenn die Gefahr vorbei ist. Verantwortung zu übernehmen bedeutet eben auch, nicht jede Angst in Gesetzen widerzuspiegeln.
Debattenfelder: Rede, Wirtschaft, Schöpfung
Im Deutschen wie auch im europäischen Kontext zeigt sich das gerade in Debatten über Sicherheit und Migration, über digitale Überwachung, über Hass und Desinformation. Meinungsfreiheit ist kein Freibrief für Lüge und Verachtung – und darf es auch nicht sein! Aber sie ist auch nicht abhängig davon, ob jemand „die Richtige“ Meinung, also die der dominierenden Gruppe, hat. Verantwortung in der Rede bedeutet, keine Menschen zu entwürdigen, keine Gewalt zu verherrlichen, Fakten zu achten und dem Gegner nicht permanent und grundsätzlich böse Absichten zu unterstellen. Eine freiheitliche Kultur lebt davon, dass wir zumuten können, Widersprüche auszuhalten.
Auch im Bereich der Wirtschaft gehören Freiheit und Verantwortung zusammen. Marktwirtschaft ohne Regeln zerreibt die Schwachen. Regeln ohne den Markt können Innovation und Leistung ersticken. Die durch die katholische Soziallehre geprägte Idee der Sozialen Marktwirtschaft versucht, beides zu verbinden: Freiheit für Unternehmertum und Arbeitnehmer, aber mit wichtigen Gedanken und Maßnahmen zum Schutz der Arbeitnehmer und umgekehrt auch des Unternehmertums. Wichtig ist dabei immer auch der Wettbewerb, der nicht zur Kartellmacht werden darf und soziale Absicherung beinhaltet. Verantwortung hier bedeutet also, dass Gewinn nicht das einzige Maß ist und Arbeit mehr ist als ein Kostenfaktor. Wenn sich so stabile Institutionen ergeben, trägt dies zum Gemeinwohl bei.
Schließlich hat Freiheit auch eine ökologische Dimension. Verantwortung für die Schöpfung ist kein romantisches Politikverständnis, sondern schlichte Einsicht: Wenn wir die Lebensgrundlagen beschädigen, werden die Freiheiten der Armen in den Gesellschaften und Wirtschaftssystemen unserer Welt zuerst zerstört. Eine nüchterne christliche Linie wird hier weder in Panik verfallen noch in Gleichgültigkeit. Sie wird fragen: welche Maßnahmen sind wirksam, sozialverträglich, europäische und auch darüber hinaus koordiniert, technologisch offen und gerecht zwischen den Generationen.
Freiheit als Praxis
Freiheit ist am Ende kein Zustand, sondern viel eher Praxis. Sie lebt von der inneren Haltung eines jeden von uns und auch von äußeren Institutionen. Christlich betrachtet beginnt sie im Gewissen und endet im Dienst am Nächsten. Politisch betrachtet beginnt sie im Recht und endet in einer Kultur, die Verantwortung nicht als Moralkeule benutzt, sondern als unsere gemeinsame Aufgabe. Wer die Freiheit liebt, muss lernen, sie in der rechten Weise zu gestalten, damit sie bleibt.
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