
Seit dem 28. Februar erleben wir eine dramatische Eskalation im Nahen Osten. Israel und die Vereinigten Staaten greifen militärische Ziele im Iran an. Raketenstellungen, militärische Infrastruktur, Einrichtungen des Regimes und sein Machtapparat stehen im Fokus. Reaktionen einiger Kommentatoren dazu lauten, dass es sich dabei um einen klaren Bruch des Völkerrechts handelt.
Rein juristisch lässt sich diese Auffassung vertreten. Ein ausdrückliches Mandat der Vereinten Nationen gibt es nicht und ein klassischer militärischer Angriff Irans auf Israel lag unmittelbar nicht vor.
Doch damit ist die eigentliche Frage noch nicht beantwortet.
Denn das Völkerrecht ist kein Selbstzweck. Es ist nicht dafür geschaffen worden, moralische Debatten zu gewinnen oder politische Gegner zu belehren. Sein eigentlicher Zweck ist viel einfacher. Es soll dafür sorgen, das Staaten in einer Welt voller Konflikte überhaupt existieren können. Genau hier beginnt das Problem.
Der Iran ist nicht lediglich ein weiterer Staat mit einer schwierigen Außenpolitik. Seit Jahrzehnten gehört die Vernichtung Israels zum festen Bestandteil der politischen Rhetorik des Regimes. Dieses Ansinnen ist Programm und Teil der Staatsdoktrin. Führende Vertreter sprechen offen davon, dass der jüdische Staat von der Landkarte getilgt werden muss.
Das ist keine diplomatische Unfreundlichkeit. Das ist eine existenzielle Drohung!
Wer diese Drohung ernst nimmt, versteht auch das strategische Dilemma Israels. Israel ist ein kleines Land. Seine geographische Tiefe ist minimal. Ein massiver Raketenangriff kann innerhalb weniger Minuten das gesamte Land erreichen. Demnach kann Israel nicht den selben strategischen Luxus haben wie große Staaten, die in tausenden Kilometern Abstand zu möglichen Gegnern stehen. Hier liegt das eigentliche moralische Spannungsfeld.
Das klassische Völkerrecht kennt vor allem ein Prinzip: militärische Selbstverteidigung nach einem Angriff. Dieses Prinzip entstand in einer Zeit, in der Kriege meist mit sichtbaren Streitkräften begannen und weitergeführt wurden. Die Welt von heute hingegen funktioniert anders.
Bedrohungen entstehen oft lange vor dem ersten Schuss. Sie ergeben sich bereits durch Raketenprogramme, durch Stellvertreterarmeen, durch Terrornetzwerke und auch durch die mögliche Entwicklung von Kernwaffen.
Autoritäre Regime haben gelernt, diese Grauzonen geschickt zu nutzen. Sie bewegen sich knapp unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges und können trotzdem dauerhaft Druck ausüben. Währenddessen halten sich demokratische Staaten (nach wie vor) an Regeln, die ursprünglich für eine andere Welt geschrieben wurden. Dies führt zu einer paradoxen Situation, in der diejenigen, die sich am wenigsten um internationale Normen kümmern, am meisten von ihnen profitieren.
Natürlich bleibt jede militärische Eskalation eine ganz tragische Entwicklung. Krieg bringt Leid über Menschen, die mit den politischen Entscheidungen ihrer Regierungen oft wenig bis gar nichts zu tun haben. Deshalb darf Gewalt niemals leichtfertig eingesetzt werden.
Doch genauso gefährlich ist eine moralische Haltung, die Bedrohungen erst dann ernst nimmt, wenn es zu spät ist.
Die christliche Tradition kennt für dieses Spannungsfeld eine nüchterne Einsicht. Schon der hl. Augustinus und später der hl. Thomas von Aquin Sprachen von dem Gedanken eines gerechten Krieges. Gemeint war damit ausdrücklich nicht, dass Krieg etwas Gutes sei. Gemeint war vielmehr, dass ein Staat manchmal verpflichtet ist zu handeln, wenn dadurch ein noch größeres Unrecht verhindert werden kann. Der Schutz der eigenen Bevölkerung gehört demnach zu den grundlegenden Aufgaben eines Staates.
Wenn ein Regime offen ankündigt, einen anderen Staat zerstören zu wollen und gleichzeitig militärisch an den Voraussetzungen dafür arbeitet, dann stellt sich irgendwann die unbequeme Frage: Muss man warten, bis die Drohung umgesetzt wird? Oder darf man handeln, bevor es dazu kommt?
Gerade Deutschland sollte diese Fragen nicht leichtfertig beantworten. Unsere Geschichte verpflichtet uns zu einer besonderen Sensibilität gegenüber der Sicherheit Israels. Das Existenzrecht des jüdischen Staates darf keine leere Floskel bleiben.
Natürlich müssen auch die Vereinigten Staaten und Israel sich fragen lassen, ob ihre Strategie langfristig Frieden bringt. Militärische Schläge lösen politische Konflikte selten dauerhaft. Aber eine Welt, in der das Völkerrecht dazu benutzt wird, aggressiven Regime politische Deckung zu geben, ist ebenfalls eine gefährliche Welt.
Das Völkerrecht ist ein wichtiges Instrument für den Frieden. Doch es verliert seine moralische Autorität, wenn es diejenigen schützt, die offen gegen seine Grundidee arbeiten.
Die Lage im Nahen und Mittleren Osten bleibt tragisch. Wahrscheinlich wird dieser Konflikt noch sehr lange nachwirken. Aber wer die Realität dieser Region verstehen will, muss erkennen, dass für viele Menschen in Israel dieser Angriff nicht einfach ein geopolitisches Manöver ist. Er ist der Versuch, eine existenzielle Bedrohung abzuwehren und zu leben.
Quellen
Wikipedia.org: Artikel „Irankrieg 2026“ mit Erläuterungen zur Entstehung und zum Verlauf auf https://de.wikipedia.org/wiki/Irankrieg_2026 (letzter Aufruf vom 5. März 2026)
Tagesschau.de (ARD): „Angriff Israels und des Iran – Was erlaubt das Völkerrecht – und was nicht?“ mit Erläuterungen von Gewaltverbot und Selbstverteidigungsrecht nach der UN-Charta, Diskussion um präventive vs. Antizipatorische Selbstverteidigung etc. auf https://www.tagesschau.de/ausland/asien/iran-israel-voelkerrecht-100.html (letzter Aufruf vom 5. März 2026)
Wikipedia.org: Artikel „Gerechter Krieg“ mit einem Überblick zur Lehre vom bellum iustum und Abschnitten zu den Positionen des hl. Augustinus und des hl. Thomas von Aquin, inkl. des Ziels „Frieden mit dem besiegten Gegner“ und Kriterien legitimer Kriegsführung auf https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechter_Krieg (letzter Aufruf vom 5. März 2026)
Bildquelle
Bild von Rohit Agarwal auf Pixabay, abrufbar unter https://pixabay.com/de/photos/anwaltskanzlei-fürsprecher-anwalt-8443499/ (letzter Aufruf vom 5. März 2026)
