Warum alte Feindbilder nicht verschwunden sind, sondern in neuen politischen und moralischen Argumenten wieder auftauchen und was das für eine freiheitliche Gesellschaft bedeutet.

Eine persönliche Beobachtung.
Seit einiger Zeit beobachte ich die Debatten in unserer Gesellschaft rund um Israel, die palästinensischen Autonomiegebiete, Antisemitismus und Erinnerungskultur. Immer wieder fällt mir dabei auf, dass wir zwar ständig über Antisemitismus sprechen, aber oft nicht wirklich verstehen, in welchen Formen er heute auftritt. Antijudaismus, Antisemitismus und Antizionismus erscheinen vielen als völlig verschiedene Dinge, doch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit gehen sie häufig ineinander über. Ich möchte – sicher lediglich lückenhaft – zu erklären versuchen, warum die Grenzen zwischen diesen Begriffen oft fließend sind, warum das Problem in verschiedenen politischen Lagern vorkommt und warum gerade Deutschland hier eine besondere Verantwortung hat. Am Ende geht es nicht nur um Politik, sondern um Anstand und um die Frage, wie gefestigt unsere freiheitliche Gesellschaft wirklich ist.
Die fließenden Grenzen
Immer wieder habe ich den Eindruck, dass viele Menschen Antisemitismus nur dann erkennen wollen, wenn er laut und offen auftritt. Wenn jemand Verschwörungstheorien verbreitet oder offen Juden beschimpft, dann ist die Sache klar. Aber so einfach ist das nicht. Antisemitismus beginnt oft viel früher. Er beginnt bei Vorurteilen, bei doppelten Maßstäben, bei einer auffälligen Fixierung auf Israel in den entsprechenden politischen Auseinandersetzungen oder bei einer Sprache, die den jüdischen Staat moralisch isoliert.
In der Theorie unterscheidet man zwischen Antijudaismus, Antisemitismus und Antizionismus. Antijudaismus ist religiös begründet, Antisemitismus rassistisch oder ethnisch und Antizionismus richtet sich gegen den Staat Israel. In der Realität verschwimmen diese Kategorien aber häufig. Wer Israel dämonisiert, benutzt oft dieselben Denkmuster, die früher gegen Juden als Minderheit gerichtet waren. Das fällt vielen nicht auf oder sie wollen es nicht sehen.
Für mich ist deshalb entscheidend, nicht nur auf Begriffe zu schauen, sondern auf Denkweisen. Werden doppelte Maßstäbe angelegt? Wird Israel anders bewertet als alle anderen Staaten? Wird aus Kritik Dämonisierung? Wird das Existenzrecht eines Staates in Frage gestellt? Dort beginnen die Probleme.
Der blinde Fleck im progressiven Milieu
Ein Phänomen im sogenannten progressiven Milieu beschäftigt mich besonders. Dort sieht man sich selbst als besonders sensibel für Diskriminierung, Minderheitenrechte und historische Ungerechtigkeit. Das ist zunächst ehrenwert. Aber ausgerechnet dort beobachte ich einen erstaunlichen blinden Fleck, wenn es um Juden und Israel geht.
Plötzlich gelten Maßstäbe, die sonst nirgendwo gelten. Gewalt wird relativiert, wenn sie sich gegen Israel richtet. Das Existenzrecht Israels wird als diskutierbar dargestellt, während das Existenzrecht anderer Staaten selbstverständlich ist. Israel wird von manchen nicht einfach kritisiert, sondern moralisch isoliert und als in Übel dargestellt.
Ich halte Kritik an der israelischen Regierung für völlig legitim. In Israel selbst wird die eigene Regierung oft sehr hart kritisiert. Aber Kritik an konkreter Politik ist etwas anderes als die Infragestellung des Staates selbst. Wer Israel abschaffen will, fordert faktisch die Abschaffung des einzigen jüdischen Staates der Welt. Das muss man klar aussprechen.
Ein Teil der Bewegung, die sich solidarisch mit den Palästinensern gibt, bewegt sich genau in diesem Bereich. Nicht alle, aber ein lauter Teil. Dort wird Israel nicht nur kritisiert, sondern dämonisiert. Diese Dämonisierung erinnert mich in ihrer Struktur oft an sehr alte Muster des Antisemitismus. Früher wurde der Jude als Ursache vieler Probleme dargestellt, heute wird der jüdische Staat als Ursache vieler Probleme dargestellt. Die Logik ist erstaunlich ähnlich.
Das Problem auf der rechten Seite
Es wäre allerdings ein großer Fehler, das Problem nur im linken oder progressiven Milieu zu sehen. Auch im rechten politischen Spektrum beobachte ich Entwicklungen, die mir Sorgen machen. Besonders in Teilen der AfD wird zwar Antisemitismus offiziell abgelehnt, gleichzeitig wird aber die Erinnerungskultur relativiert oder von einem angeblichen Schuldkult gesprochen.
Diesen Begriff halte ich für falsch und gefährlich. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist kein Schuldkult, sie ist historische Vernunft. Deutschland erinnert sich nicht, weil es sich selbst erniedrigen oder hassen soll, sondern weil es eben aus seiner Geschichte gelernt hat. Diese Erinnerung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von politischer und moralischer Reife.
Wer die Erinnerungskultur abschaffen oder lächerlich machen will, reißt einen Schutzwall ein, den unsere Gesellschaft nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts bewusst aufgebaut hat.
Antisemitismus kommt aus vielen Richtungen
Was mich allerdings insgesamt am meisten beunruhigt, ist die Tatsache, dass Antisemitismus heute aus vielen Richtungen kommt. Aus dem islamistischem Milieu, aus der extremen Rechten, aus Teilen der radikalen Linken und – auch das muss angesprochen werden – auch aus der Mitte der Gesellschaft in Form von Vorurteilen und Ressentiments. Gerade die gesellschaftliche Mitte hält sich oft für völlig immun und merkt nicht, wie tief manche Bilder und Denkweisen sitzen.
Ich bin davon überzeugt, dass eine freiheitliche Gesellschaft hier sehr klar sein muss. Nicht hysterisch, nicht aggressiv, aber klar. Wer Juden angreift, greift nicht nur eine Minderheit an, sondern das Fundament unserer Gesellschaft. Die europäische Demokratie ist auch eine Lehre aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Menschenwürde, Religionsfreiheit und Minderheitenschutz sind aus dieser Geschichte gewachsen. Das dürfen wir nie vergessen.
Deutsche Verantwortung und gesellschaftlicher Anstand
Für mich folgt daraus, dass Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber Juden und gegenüber dem Staat Israel hat. Diese Verantwortung bedeutet nicht, jede politische Entscheidung Israels gut zu finden. Aber sie bedeutet unbedingt, dass Juden in Deutschland ohne Angst leben können müssen.
Allein die Tatsache, das jüdische Einrichtungen dauerhaft von der Polizei geschützt werden müssen, zeigt, dass wir noch lange nicht dort sind, wo wir eigentlich sein sollten. Eigentlich müsste es in einem Land wie Deutschland selbstverständlich sein, dass Juden ihren Glauben und ihre Kultur völlig normal und ohne Angst leben können.
Am Ende geht es für mich dabei nicht nur um Politik, sondern um etwas ganz Grundsätzliches. Es geht um Anstand. Eine Gesellschaft zeigt ihren moralischen Zustand daran, wie sie über Minderheiten spricht und wie sie mit Ihnen umgeht. Wenn jüdische Studenten sich an Universitäten nicht mehr sicher fühlen oder wenn auf Demonstrationen Parolen gerufen werden, die an dunkelste Zeiten erinnern, dann stimmt etwas nicht!
Ein persönlicher Schlussgedanke
Ich bin der Überzeugung, dass eine demokratische Gesellschaft dies alles nicht als normale Begleiterscheinung politischer Debatten hinnehmen darf. Sie muss widersprechen, sie muss Grenzen ziehen und sie muss den Mut haben, auch in den eigenen politischen Reihen und auch in der eigenen Mitte genau hinzusehen. Antisemitismus ist nie nur ein Problem der anderen. Er ist immer ein Problem der eigenen Gesellschaft.
Vielleicht beginnt alles mit einem einfachen Gedanken. Antisemitismus beginnt nicht mit Gewalt. Er beginnt mit Worten, mit doppelten Maßstäben und mit der Vorstellung, dass Juden oder Israel anders bewertet werden können als alle anderen. Genau dort muss eine freie Gesellschaft sehr wachsam sein.
Nicht aus politischer Korrektheit, sondern aus Vernunft. Und aus Anstand.
Quellen:
Wikipedia.org: Artikel „Antijudaismus“, abrufbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudaismus (letzter Aufruf vom 29. März 2026)
Wikipedia.org: Artikel „Antisemitismus“, abrufbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus (letzter Aufruf vom 29. März 2026)
Wikipedia.org: Artikel „Antizionismus“, abrufbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Antizionismus (letzter Aufruf vom 29. März 2026)
Bei YouTube.com lassen sich viele seriöse Dokumentationen und Reportagen sowie Mitschnitte von Gesprächsrunden, Parlamentsdebatten und ähnlichem zu den hier aufgezeigten Themen finden. Dies hier (auch nur auszugsweise) aufzuführen, würde den Rahmen sprengen.
Bildquelle:
Bild von Javier Robles auf Pixabay, abrufbar unter https://pixabay.com/de/photos/unterzeichnen-gesellschaft-rassismus-3422241/ (letzter Aufruf vom 29. März 2026)
