(Artikel 2 der Serie „Ostern 2026: Glaube – Hoffnung – Liebe“)

Die Karwoche führt uns in die Mitte des christlichen Glaubens. Besonders der Gründonnerstag mit dem, was sich im Abendmahlssaal abspielt, zeigt, wie Jesus seinen Jüngern begegnet: nicht mit Macht, sondern mit Liebe, nicht mit Vorwürfen, sondern mit Hingabe. In der Fußwaschung, in Brot und Wein und in seinen Abschiedsworten hinterlässt er uns etwas, das bis heute trägt. In diesem Artikel denke ich darüber nach, warum gerade dieser Abend eine Quelle der Hoffnung ist, nicht nur für die Jünger damals, sondern gerade für uns heute.
Die Nacht, in der alles begann
Die Karwoche ist keine einfache Zeit. Die Texte der Liturgie führen uns Schritt für Schritt in die letzten Tage Jesu. Am Gründonnerstag stehen wir im Abendmahlssaal. Dort geschieht etwas, das auf den ersten Blick ruhig und unspektakulär wirkt. In Wirklichkeit gehört dieser Abend zu den – wie ich finde – dichtesten und tiefsten Momenten des ganzen Evangeliums.
Jesus weiß, dass sein Weg ans Kreuz führen wird. Er weiß, dass einer ihn verraten wird. Er weiß, dass die meisten Jünger weglaufen werden. Er weiß, das Angst und Verzweiflung auf ihn zukommen. Trotzdem setzt er sich mit seinen Jüngern an den Tisch. Er feiert mit ihnen das Mal. Er spricht Worte, die bis heute in jeder Messe gesprochen werden – zweitausend Jahre später!
Im Johannesevangelium heißt es: „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.“ (Joh 13,1)
Dieser Satz berührt mich jedes Jahr neu. Jesus weiß, wie unzuverlässig seine Freunde sind. Er weiß, wie schnell sie Angst bekommen werden. Er weiß, dass Petrus ihn verleugnen wird. Trotzdem bleibt er bei ihnen. Trotzdem liebt er sie. Genau darin liegt für mich eine tiefe Hoffnung.
Hoffnung trotz Versagen
Wenn wir ehrlich sind, erkennen wir uns in den Jüngern wieder. Wir sind nicht immer mutig. Wir sind nicht immer treu. Wir sind nicht immer konsequent im Glauben. Manchmal schweigen wir, obwohl wir etwas sagen müssten. Wir passen uns an, obwohl wir innerlich anderes denken. Wir vergessen Gott in unserem Alltag.
Der Gründonnerstag zeigt mir, dass Jesus das alles weiß. Er macht sich keine Illusionen über die Menschen. Trotzdem wendet er sich nicht ab. Er sagt nicht, dass er sich bessere Freunde sucht. Er bleibt. Er dient ihnen und teilt mit ihnen Brot und Wein.
Für mich ist das der Kern christlicher Hoffnung. Hoffnung bedeutet nicht, dass alles ständig gut läuft und auch nicht, dass ich immer stark bin. Hoffnung aus christlicher Perspektive bedeutet, dass Gott treu bleibt, auch wenn ich schwach bin.
Die Fußwaschung
Ein besonders starkes Zeichen am Gründonnerstag ist die Fußwaschung. Jesus kniet vor seinen Jüngern und wäscht ihnen die Füße. Das war damals die Aufgabe der Diener. Petrus ist zunächst schockiert. Er kann sich nicht vorstellen, dass Jesus so etwas tut.
Jesus sagt zu ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“ (Joh 13,8)
Dieser Satz ist sehr ernst. Petrus muss lernen, sich beschenken zu lassen. Er muss begreifen, dass er nicht immer der Starke sein kann und er es ist, der Jesus braucht.
Ich glaube, genau das fällt vielen Menschen schwer. Wir wollen unser Leben selbst im Griff haben. Wir wollen stark sein, unabhängig, souverän. Wir möchten nicht auf Hilfe angewiesen sein. Der Gründonnerstag zeigt jedoch einen anderen Weg. Christsein bedeutet hier zuerst, sich von Christus (be-)dienen zu lassen. Er beugt sich zu uns herunter und wäscht uns den Staub des Alltags von den Füßen. So nimmt er uns ernst mit unserer Müdigkeit, unsere Schuld und unseren Sorgen.
Darin sehe ich eine leise, sich nicht aufdrängende, aber sehr tiefe Hoffnung. In meinem Leben muss ich nicht alles allein tragen. Ich muss nicht perfekt sein, bevor ich zu Gott komme. Ich darf mit meinem ganzen Leben zu Christus kommen und er kommt mir entgegen.
Das Geschenk der Eucharistie
Im Abendmahlssaal reicht Jesus seinen Jüngern später, nach der Fußwaschung, auch noch Brot und Wein und sagt: „Das ist mein Leib für euch. Das ist mein Blut für euch.“
In jeder Eucharistie Feier hören wir diese Worte. Vielleicht hören wir sie manchmal zu selbstverständlich. Am Gründonnerstag können wir sie neu verstehen. Wir können begreifen, was hier eigentlich geschieht: Jesus gibt nicht nur eine Erinnerung an sich. Ergibt sich selbst.
Für mich ist das eine der größten Hoffnungsquellen überhaupt. Gott bleibt nicht fern. Er bleibt nicht nur eine Idee oder eine Erinnerung an frühere Zeiten, die längst vergangen sind. Er kommt immer wieder in unser Leben hinein. In jeder Eucharistie sagt Christus neu: Ich bin bei dir. Ich gehe deinen Weg mit. Du bist nicht allein.
Viele Menschen tragen heute eine große innere Luft mit sich. Sorgen um die Zukunft, Angst vor Krankheit, Einsamkeit, familiäre Probleme, Enttäuschungen im Beruf, in Beziehungen oder mit der Kirche. Vieles in diesen Feldern lässt sich nicht schnell und einfach lösen und nicht jede Wunde heilt sofort. Der Gründonnerstag verspricht nicht, dass alle Probleme verschwinden. Er verspricht etwas anderes, nämlich dass Gott uns nicht allein lässt.
Hoffnung in dunklen Stunden
Der Abend im Abendmahlssaal ist eigentlich schon überschattet vom Karfreitag. Judas geht hinaus in die Nacht. Jesus weiß, dass sein Weg schwer wird. Trotzdem spricht er von Liebe, vom Dienst, von Gemeinschaft, vom Bleiben.
Hoffnung entsteht hier nicht, weil eben alles gut ist. Hoffnung entsteht, weil Jesus da ist, weil er den Weg mitgeht und seine Liebe größer ist als Verrat, Angst und Tod.
Das ist auch für unser Leben wichtig. Hoffnung ist nicht Optimismus. Optimismus sagt, dass schon alles irgendwie gut wird. Oft ist er blind für die Realitäten. Christliche Hoffnung meint etwas ganz anderes. Sie sagt, dass Gott auch dann da ist, wenn nicht alles gut ist. Sie sagt vor allem, dass Leid und Schuld nicht das letzte Wort haben. Für uns Christen ist somit klar, dass unsere Wege auch durch Dunkelheiten Hindurchführen, aber nicht in der Dunkelheit enden.
Was hat Gründonnerstag mit meinem Leben zu tun?
Wenn ich an Gründonnerstag denke, dann sehe ich einen Tisch. Menschen sitzen zusammen. Sie wissen noch nicht genau, was auf sie zukommt, aber sie merken: etwas verändert sich. Sie haben Fragen, Ängste und Hoffnungen. In der Mitte sitzt Jesus. Irgendwann kniet er sich hin und wäscht Füße. Er teilt Brot und Wein. Er spricht von Liebe.
Dieses Bild hat – wie ich finde – viel mit unserem Leben zu tun. Auch wir sitzen oft wie diese Jünger da. Wir wissen nicht genau. Was die Zukunft bringt. Wir haben Pläne und wir machen uns auch Sorgen. Wir sind manchmal mutig und manchmal ängstlich. Hin und wieder sind wir überzeugt im Glauben und dann auch wieder voller Zweifel.
Der Gründonnerstag sagt mir, dass Jesus genau in diese Situationen hineinkommt. Er wartet nicht, bis alles geklärt ist. Er kommt mitten in die Unsicherheit hinein, mitten hinein in unser Leben.
Fazit: Hoffnung hat ein Gesicht
Hoffnung ist für uns Christen kein abstrakter Begriff. Sie hat ein Gesicht und einen Namen: Jesus Christus. Am Gründonnerstag sehen wir, wie diese Hoffnung aussieht und wie sie handelt. Sie kniet sich hin und dient. Sie teilt Brot und Wein. Sie bleibt treu, auch wenn Menschen untreu werden. Sie geht diesen Weg bis zum Kreuz.
Wenn ich an diesem Abend die Messe vom letzten Abendmahl feiere, dann denke ich oft: Hier beginnt Hoffnung. Nicht laut und spektakulär, sondern leise. In einem Raum. An einem Tisch. Mit einfachen Gesten. Mit Brot und Wein.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Liturgie. Gott ist uns näher, als wir oft denken. Er ist bei uns und erkennt unsere Schwächen, unsere Angst und auch unsere Schuld. Trotzdem gibt er sich selbst in unsere Hände.
Darum ist Gründonnerstag ein Tag der Hoffnung. Eine stille Hoffnung. Eine Hoffnung, die trägt, auch wenn der Karfreitag noch vor uns liegt. Denn wir wissen, dass dieser Weg nicht im Dunkel endet. Ostern kommt.
Bildquelle:
Bild von hoffmanink auf Pixabay, abrufbar unterhttps://pixabay.com/de/photos/gehen-einsam-hund-allein-draußen-1681031/ (letzter Aufruf vom 1. April 2026)
Clips auf YouTube:
Einzelne Gedanken des Artikels habe ich in kurzen Clips aufgegriffen, die auf meinem YouTube-Kanalhttps://www.youtube.com/@JanWilhelmWitte für alle sichtbar sind. Hier eine Auswahl:
