Vom 9. November lernen: Wie wir aus den Brüchen unserer Geschichte die Pflicht zur Wachsamkeit schöpfen und warum Freiheit nur lebt, wenn wir sie verteidigen.
Ein alter Mann in Jerusalem sagte zu mir: „Sie sind Deutscher? Dann müssen Sie aufpassen!“ Zwei Sätze, die mich seither begleiten. Der 9. November mit seinen Licht- und Schattenseiten erinnert uns jedes Jahr daran, wie zerbrechlich Demokratie ist. Sie stirbt nicht im großen Knall, sondern in kleinen Schritten und sie lebt nur, wenn Menschen hinschauen, widersprechen und Verantwortung übernehmen. Ein persönlicher Blick auf Geschichte, Gegenwart und die Aufgabe, unsere Freiheit zu bewahren.
„Sie sind Deutscher? Dann müssen Sie aufpassen!“, zwei kurze Sätze, die sich in mein Gedächtnis wirklich eingebrannt haben. 2008 war ich zu ersten Mal in Israel, damals, im Rahmen einer Pilger- und Studienreise meines Theologiestudiums haben wir uns mit den Themen beschäftigt, die die Geschichte und Gegenwart Israels, seines Glaubens, seiner Kultur und der politischen Verhältnisse ausmachen.
Ein Besuch in Yad Vashem gehörte auch dazu. Dieser war für einen Nachmittag angesetzt. Am Vormittag hatten wir in Jerusalem eine freie Zeit zu unserer Verfügung und da ich mich mittlerweile einigermaßen auskannte ging ich in das jüdische Viertel und schaute mich einfach ein wenig um. Vor einer kleinen Kunstgalerie blieb ich stehen und schaute mir die Aquarelle im Schaufenster an. Sie zeigten die typischen Motive wie die Klagemauer, den Felsendom, das, was Touristen sehen und kaufen möchten. Kein Kitsch, sondern handwerklich gut gemachte Bilder mit gefälligen Motiven.
„Sie sind Deutscher?“ wurde ich plötzlich von der Seite in gut verständlichem Deutsch gefragt. Da stand ein altgewordener Mann. Im Aussehen typisch für viele Männer dieses Viertels: eine schwarze, etwas abgenutzte Hose, ein weißes Hemd, an den Seiten, die weißen verknoteten Fäden (Zizit), auf dem Kopf eine Kippa, darunter weiße Haare und ein ebenso weißer längerer Vollbart. Er wollte wohl ein wenig aufräumen und für Ordnung vor seinem Geschäft sorgen, an der Hauswand lehnte ein Besen.
„Sie sind Deutscher?“, „Ja.“, sagte ich, er darauf: „Das sieht man.“, „Aha, und woran?“, fragte ich, „Sie schauen so ernst.“ (Stimmt, dachte ich, das haben mir schon viele gesagt, dass ich so ernst gucke, auch wenn ich eigentlich ganz entspannt bin.) „Und woher kommen Sie?“, „Gebürtig aus der Nähe von Osnabrück.“ Er schaute mich ein wenig ratlos an und ich erklärte ihm dann, dass das in Nordwestdeutschland läge, grob in der Richtung der niederländischen Grenze. Er käme aus Bad Kreuznach, sagte er mir, und ich fragte ihn daraufhin, wie lange er schon in Israel lebe. Seit 1935, damals haben seine Eltern mit ihm Deutschland verlassen.
Daraus entwickelte sich ein Gespräch, dass wir dann im Inneren des kleinen Ladengeschäftes fortgesetzt haben Er sprach über seine Ankunft im damaligen britischen Mandatsgebiet, darüber, dass er Soldat im Unabhängigkeitskrieg war, sein Engagement in der jüdischen Gemeinde. Er bat mich, ich solle ihm von Deutschland erzählen und so ging es dann auch um die (damals, 2008) gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland ging. Im Laufe dieses Gesprächs fielen dann die beiden eingangs erwähnten Sätze.
Den Satz: „Dann müssen sie aufpassen!“, habe ich nie vergessen. Er ist keine Drohung. Er ist eine Mahnung. Eine Mahnung, die in Deutschland an einem ganz bestimmten Datum für mich einen besonderen Klang hat: am 9. November. Jedes Jahr denke ich daran. An keinem anderen Tag spiegelt sich die deutsche Geschichte so dicht: Hoffnung und Horror, Anfang und Ende, Absturz und Aufbruch.
Der 9. November: Vier Daten, ein roter Faden
1918: Ein Neuanfang auf dünnem Eis
Das Kaiserreich bricht zusammen. Philipp Scheidemann ruft die Republik aus. Ein großer Schritt und doch steht dieser Anfang nicht auf einem festen Fundament. Kriegselend, soziale Not, Gewalt von links wie von rechts, Eliten die der Republik und der Demokratie misstrauen. „Weimar“ war mutig, sehr verwundbar und ist gescheitert.
1923: Der gescheiterte Putsch und falsche Ruhe
Hitlers Umsturzversuch in München misslang. Viele Atmen auf. Genau hier aber lauert die Selbsttäuschung: wer Demokratie nur in großen Zusammenhängen denkt, übersieht das Langsame, das Schleichende. Milde Strafen, viel Bühne und ein späterer Diktator, derzeit gewinnt, lernt und organisiert.
1938: Die Reichspogromnacht
Hitler kam und Synagogen brennen. Menschen werden gejagt, gedemütigt, getötet. Der Staat selbst wird zum Täter. Aus der Entkernung der Freiheit folgt Entmenschlichung. Schritt für Schritt geschieht dies, verkleidet in Gesetzen, der Blick wendet sich von den Opfern ab. Das ist der dunkelste 9. November.
1989: Die Mauer fällt
Friedliche Revolution, Gebete, Kerzen, Bürgerrechtler und – zum Glück – besonnene Menschen in Uniformen. Ein Regime bricht zusammen. Dies geschieht nicht durch Gewalt, sondern durch Mut und Ausdauer. Dies ist der hellste 9. November.
Was mir diese Daten sagen
Demokratie stirbt selten mit einem lauten Knall. Sie wird eher langsam abgetragen. In kleinen Schritten, die Einzeln und für sich genommen harmlos wirken: eine Kompetenzverlagerung hier, eine „Reform“ dort, die plötzlich vielleicht Richter oder Journalisten einschüchtert oder Medien benachteiligt. Dazu kommt eine verrohende Sprache. Und Bürger sagen: „So schlimm ist es doch nicht.“ Genau darauf setzen die Gegner der Freiheit: das Schweigen und Wegschauen der Masse und das Verharmlosen.
Oft, so denke ich, hören wir oder sagen wir selbst den Satz: „Bei uns kann das nicht passieren.“ Er ist eine freundliche Beihilfe der dann neu entstehenden Autoritäten. Denn sie leben davon, dass wir müde werden, abgestumpft, gewöhnt.
Aus den Geschichten derer, die den Verlust der Freiheit erlebt haben – in der Türkei, in Venezuela, in Hong Kong und weiteren Staaten und Gesellschaften – lassen sich nüchterne Lektionen ziehen. Sie sind unbequem aber hilfreich.
Sieben Lektionen für Demokraten
- Es kann überall passieren.
Keine Gesellschaft ist immun. Modernität, Wohlstand und ein hohes Bildungsniveau schützen nicht automatisch. Wer davon ausgeht, öffnet Türen.
- Es beginnt leise.
Nicht Panzer vor einem Parlament, sondern ein neuer Ton gegen „die etablierten Politiker“, „die Presse“, „die Wissenschaft“. Heute Sport und Häme, morgen Druck und übermorgen ein Gesetz.
- Am Ende trifft es alle.
Zuerst trifft es die, die „irgendwie stören“: Journalisten, Professoren, Geistliche. Dann die, die schweigen. Willkür braucht keine Begründung, nur Gelegenheiten.
- Öffentlichkeit schützt.
Bekanntheit, Netzwerke, klare Worte in der Öffentlichkeit erhöhen den Preis für Repression. Wer etwas kann, soll es zeigen. Wer etwas weiß, soll es sagen.
- Kompromisse ja, aber nicht um den Preis der Würde.
Kompromisse gehören zum Handwerkszeug der Demokratie. Rote Linien aber sind nicht verhandelbar: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, freie Medien, Minderheitenschutz.
- Manchmal ist es klug, zu gehen.
Wenn wir uns bei zu vielen Sätzen fragen, ob wir sie noch sagen dürfen, ist es später, als wir denken. Der Moment der inneren Selbstzensur ist eine laute Sirene. Wenn wir sie hören, müssen wir uns fragen, ob wir in diesem Umfeld bleiben.
- Mit Verbündeten kann man gewinnen
Kirchen, Vereine, Schulen, Gewerkschaften, Kammern, Universitäten und Hochschulen, Kultureinrichtungen: eine freie Gesellschaft ist eine Art Bündnis. Wenn eine dieser Säulen wankt, müssen die anderen sie mittragen.
Was Demokratie braucht und nicht selbst erzeugt
Angelehnt an den berühmten Satz: „Der freiheitliche säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ von Ernst-Wolfgang Böckenförde (1) denke ich, dass damit auch unsere Demokratie von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht herstellen kann. Sie braucht Maß und Mitte, Wehrhaftigkeit, Verantwortungsgeist. Es klingt altmodisch, ist aber hochmodern: ohne Charakter und „Seele“ erodieren Institutionen.
Ganz nüchtern formuliert: Demokratie ist die beste Methode, Macht zu binden, Konflikte friedlich zu lösen und Freiheit mit Sicherheit zu verbinden. Sie ist langsam und fehleranfällig aber gerade das macht sie menschlich. Der „starke Mann“ mit einfachen Versprechen ist vielleicht verführerisch. Er verkauft schnelle Lösungen, letztlich liefert er Angst.
Was wir konkret tun können
- Den Rechtsstaat ehren
Unabhängige Gerichte und ein freier Journalismus sind keine Eliteprojekte, sondern die Feuerwehr. Wenn man sie schlecht redet, spielt man mit dem Streichholz am Dachstuhl.
- Qualitätsmedien stärken
Ein Abo ist eine Stimme. Wer Vielfalt will muss sie tragen – digital wie gedruckt. Und ja: Medienkritik ist erlaubt. Pauschale Verachtung aber ist Gift.
- Sprache pflegen
Wer Menschen entmenschlicht, bereitet Gewalt vor. Keine Gruppe darf pauschal abgewertet werden. In der Sache muss hart diskutiert werden können, der Ton hat dabei fair zu bleiben.
- Streiten lernen
Pluralismus gilt es auszuhalten. Politische Gegner sind keine Feinde. Koalitionen sind kein Verrat, sondern letztlich Arbeit am Gemeinwohl.
- Geschichte wahrnehmen
Der 9. November als Jahrestag ist keine Pflichtübung, er ist ein Spiegelbild. Jedes Jahr können wir uns die Fragen stellen: wo stehen wir? Was kippt gerade? Wo braucht es Widerspruch? Was muss gestärkt und gestützt werden?
- Zivilcourage leben
Dies gilt besonders im Alltag: auf dem Marktplatz, im Kollegenkreis, beim Stammtisch, in den sozialen Medien. Ein freundliches „so nicht!“ Wirkt oft stärker als zehn Posts im Echoraum.
- Frei-Räume schützen
Schulen, Hochschulen, Kirchen, Gemeindehäuser: dies sind Orte, an denen Menschen frei denken, lernen, beten, zweifeln, lachen. Ohne diese Räume verliert Demokratie ihre Seele.
Der konservative Impuls und die europäische Klammer
Ich bin konservativ – ich geb´s zu – deshalb schätze ich Institutionen: Parlamente, Gerichte, Verwaltungen, eine freie Presse, die Kirchen. All das sind letztlich so etwas wie Dämme gegen die Flut des Augenblicks. Außerdem bin ich europäisch genug, um zu wissen: die Europäische Union, der Europarat, die NATO sind keine fremden Mächte, sondern Sicherheitsnetze, die unsere Freiheit mittragen. Wer sie schlecht redet, muss etwas Besseres bauen, ansonsten sägt er an dem Ast, auf dem wir alle sitzen.
Dieser konservative Impuls ist nicht rückwärtsgewandt. Er schützt das, was sich bewährt hat, damit wir Neues verantwortet Wagen können. Eine stabile Ordnung ist kein fester Stahlbeton, vielmehr ist es ein tragfähiges Gerüst.
Zurück zu dem Satz in Jerusalem
Der alte Mann vor der Galerie sprach ohne Bitterkeit. Er sprach aus Erfahrung. „Dann müssen sie aufpassen!“ Das ist kein Alarmismus. Das ist Nüchternheit. Als Deutscher verstehe ich dieses „Aufpassen“ als doppelte Aufgabe:
Erstens: Nie zu vergessen, das 1938 möglich wurde, weil 1918 und 1923 nicht ernst genug betrachtet wurden. Deshalb schwiegen zu viele, als Worte zu Taten wurden.
Zweitens: Den Mut von 1989 nicht zu verklären, sondern nachzuahmen: friedlich, ausdauernd, unerschrocken und dies im Kleinen wie im Großen.
Demokratie ist nicht einfach so etwas wie ein Erbstück im Glasschrank. Es ist eine tägliche Übung. Sie verlangt von uns nicht das Unmögliche. Sie will etwas, das jeder kann: hinschauen, benennen, handeln. Und das rechtzeitig.
Wenn wir das tun, wird eines selbstverständlich: Dass niemand in Jerusalem – oder irgendwo sonst – einen Deutschen oder einer Deutschen zu rufen muss: „Pass auf!“ Weil wir es längst tun. Aus Verantwortung. Und, ja, mit einem ernsten Blick.
Quellenangabe:
(1) Artikel Ernst-Wolfgang Böckenförde auf Wikipedia – Die freie Enzyklopädie unter https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Wolfgang_Böckenförde (letzter Aufruf vom 6. November 2025)
