Es gibt Tage, an denen ich auf die Kirche in unserem Land schaue und mich frage: Woran leidet sie eigentlich am meisten? Am Widerstand gegen Reformen? Oder vielleicht eher daran, dass wir uns zu sehr um uns selbst drehen? Wir reden viel über Strukturen, Machtfragen, Beteiligung und Veränderungen. Aber manchmal, nein oft,  habe ich den Eindruck, dass dabei das eigentliche schwächer wird: das Band, das uns Katholiken im Glauben miteinander verbindet und uns in und mit Christus zusammenhält.

Gerade in dieser unruhigen Zeit gewinnt für mich ein alter Ausdruck einen neuen Wert: sentire cum ecclesia – mit der Kirche fühlen. Dieser Satz aus der ignatianischen Tradition wirkt auf den ersten Blick altmodisch. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt darin eine erstaunliche Kraft für unsere heutige kirchliche Situation. Denn er ruft uns nicht zur blinden Anpassung auf. Er lädt uns zu einer inneren Haltung ein. Eine Haltung, die uns zu einer Treue führt, die aus Liebe wächst und die fähig ist, die Kirche aus dem Glauben an Jesus wirklich zu erneuern. 

Was bedeutet es, „mit der Kirche zu fühlen“?

Ignatius von Loyola gebrauchte, beziehungsweise entwickelte diesen Ausdruck in einer Zeit, die in vielem unserer gleicht. Auch damals war die Kirche von Streit und Unsicherheit geprägt. Viele wollten sie verändern, zu oft allerdings nach ihren eigenen Vorstellungen. Ignatius antwortete darauf nicht mit strengen Anordnungen, sondern eben mit einem geistlichen Rat: Er baht seine Gefährten, „mit der Kirche zu empfinden“, im Innersten also mit ihr verbunden zu sein und es zu bleiben.

Das lateinische sentire heißt nicht nur fühlen. Es bedeutet vielmehr, nämlich auch denken, urteilen und prüfen. Mit der Kirche fühlen meint daher nicht eine rein emotionale Bindung, sondern einen geistigen und geistlichen Einklang mit ihr. Es beschreibt die Haltung eines Menschen, der seine eigenen Gedanken im Licht des Glaubens der Kirche betrachtet.

Wer so lebt, steht weder blind unter der kirchlichen Autorität noch in grundsätzlicher Opposition. Es ist eher eine Haltung, die ich als liebende Treue bezeichne. Eine Treue, die nicht stur ist, sondern wach, suchend und im positiven Sinne neugierig. Sie sieht Schwächen und bleibt verbunden. Sie erträgt Widersprüche, ohne sich abzuwenden.

Ein Mittel gegen die neuen Spaltungen

In unserer Kirche erleben wir (neue) Spannungen, die uns oft stärker zu trennen scheinen als das früher der Fall gewesen ist. Es gibt Gruppen, die möglichst vieles verändern möchten. Und wieder andere, die jede Veränderung als Bedrohung empfinden. Die einen wünschen sich eine Kirche, die sich den gesellschaftlichen Entwicklungen klar anpasst. Die anderen möchten zu Formen vergangener Zeiten zurückkehren.

So unterschiedlich diese Positionen sind, eines haben sie gemeinsam: Sie können leicht den Blick für das Geheimnis der Kirche verlieren. Die Kirche ist kein Verein, kein Unternehmen, kein System, dass man nach dem eigenen Geschmack umbauen kann und auch kein Museum, das konserviert werden muss. Sie ist der Leib Christi. Sie lebt, sie wächst und entwickelt sich, sie erleidet Krisen und sie wird vom Heiligen Geist geführt.

Wenn wir mit der Kirche fühlen, schauen wir tiefer. Dann sehen wir nicht nur Strukturen, sondern eine Gemeinschaft, die vom Heiligen Geist gehalten ist. So halten wir auch dann zur Kirche, wenn sie uns herausfordert oder enttäuscht. Diese Haltung ist für mich eine Antwort auf die Spaltungen unserer Zeit. Sie baut Brücken, ohne die Wahrheit zu verbessern.

Reform und Treue gehören zusammen

Oft hat das Wort Treue in kirchlichen Auseinandersetzungen an einen schweren Stand. Es klingt für manche nach Angst vor Veränderung oder nach dem Blick zurück. Doch ich glaube, dass das Gegenteil richtig ist: echte Treue macht beweglich. Sie lässt Reformen und Veränderungen zu, ohne den Kern des Glaubens oder die Inhalte von Positionen (so schwierig diese auch sein mögen) zu gefährden. Treue können prüfen, unterscheiden und Neues zulassen ohne den inneren Zusammenhang zu verlieren.

Wer mit der Kirche fühlt, wird Reformen nicht aus Prinzip ablehnen können. Er wird aber gleichzeitig auch darauf achten, dass Veränderungen geistlich geprägt wachsen und nicht lediglich organisatorisch geplant und umgesetzt  werden. Wir brauchen Erneuerung. Diese darf allerdings nicht an der Kirche vorbei laufen. Sie muss aus dem Leben des Glaubens, aus der Beziehung zu Christus kommen.

Ich bin der Meinung, dass wir nicht noch mehr Gremien, Prozesse oder Papiere brauchen. Was uns fehlt, sind geistliche Orte: Gemeinschaften, die beten, die hören, die miteinander im Diskurs ringen und die den Glauben teilen. Die Zukunft der Kirche wird nicht in Konferenzräumen entschieden, sondern dort, wo Menschen Christus suchen, seine Nähe erfahren und sich davon beeindrucken und senden lassen.

Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es durchaus gut ist, wenn die Kirche kleiner wird. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit. Wir müssen nicht an jeder Struktur festhalten. Es kann und wird gut tun, Lasten abzugeben, sich zu vereinfachen und wieder zur Mitte zurückzufinden. Mit der Kirche fühlen heißt dann, die Kirche nicht festhalten wollen, sondern ihr zu vertrauen und gleichzeitig bei ihr zu bleiben.

Zwischen Loyalität und Gewissen

Vielleicht wird gefragt werden, ob ein solches Mit der Kirche fühlen nicht das eigene Gewissen unterdrückt. Ich denke, das dass nicht zutrifft. Das Gewissen bleibt wichtig, allerdings braucht es auch den Kontakt zur Gemeinschaft des Glaubens. Einem Gewissen, dass sich zu stark oder vollkommen losgelöst, steht schnell allein da und kann sich ganz leicht verrennen.

Die Kirche ist nicht in allem unfehlbar. Aber sie wird vom Heiligen Geist getragen. Vertrauen darauf ist kein naiver Optimismus, sondern glaube. Wer sentire cum ecclesia lebt, nimmt die Fehler der Kirche war und ist gleichzeitig davon überzeugt, dass Gott sie nicht verlässt.

In einer Zeit, in der viele Debatten laut und hart geführt werden, ist es eine echte Herausforderung, die eigene Meinung zu prüfen. Und doch halte ich Fragen wie diese für wichtig:

  • Dient das, was ich denke oder fordere, wirklich dem Glauben der Kirche?
  • Baut es auf?
  • Fördert es die Einheit?
  • Oder spaltet es?

Das sind einfache Fragen, die aber eine große Wirkung haben.

Eine kleinere und glaubwürdige Kirche

Wenn ich an die Zukunft denke, erwarte ich keine Kirche, die glänzt, mächtig ist oder überall präsent. Ich sehe eher eine Kirche, die (deutlich) kleiner ist, aber auch (deutlich) klarer. Eine Kirche, die weiß, wer sie ist und wofür sie da ist. Eine Kirche, die das Evangelium verkündet, Sakramente feiert und Menschen in Not hilft.

Dazu gehört Mut zur Einfachheit. Weniger Verwaltung, weniger Programme. Dafür mehr glauben, mehr Gebet und mehr persönliche Begegnung. Eine solche Kirche wirkt nicht automatisch größer, aber sie ist glaubwürdiger und kann so auch ernst genommen werden.

Mit der Kirche fühlen hilft mir, in vielen Debatten ein Maß zu finden. Es erinnert mich daran, dass nicht alles, was laut gefordert wird, wirklich hilft. 

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

Der Gedanke des sentire cum ecclesia begleitet mich seit Jahren. Er bewahrt mich davor, die Kirche nach meinem Bild formen zu wollen. Er erinnert mich daran, dass ich ein (sehr, sehr kleiner) Teil Ihrer Geschichte bin, nicht ihr Besitzer. Und auch dass ich eingeladen bin, mitzugehen und dabei nicht Zuschauer bin, sondern jemand der sie mitträgt.

Ich glaube, unsere Kirche braucht heute Menschen, die diese oder eine ähnliche Haltung leben. Menschen, die Treue nicht mit Schwäche verwechseln. Menschen, die nicht weglaufen, wenn es schwierig wird, sondern bleiben, mitbeten, mitdenken und so, eben daraus, mitgestalten.

Treue ist eine Kraft. Sie hält aus, was schwer ist. Sie trägt durch Krisen. Sie schafft Raum für echte Erneuerung. Und nur, wer mit der Kirche fühlt, kann sie im Herzen lieben. Auf dieser Liebe wächst Neues. Leise und echt.

Quellen zum Nachdenken und Weiterdenken

Medard Kehl SJ, Was heißt sentire cum ecclesia“ – heute?, 2009, zu finden unter https://www.sankt-georgen.de/fileadmin/user_upload/personen/Kehl/Kehl_Was_heisst_Sentire_cum_ecclesia_heute.pdf (letzter Aufruf vom 19. November 2025)

Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, nach dem spanischen Urtext übersetzt von Peter Knauer, 2003, hier insbesondere die Nummern 352 bis 370.

Ignatius von Loyola, Bericht des Pilgers, übersetzt und kommentiert von Peter Knauer, 2005