„Seid, was ihr seht und werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“ Mit diesen Worten brachte der Heilige Augustinus bereits vor über 1.600 Jahren auf den Punkt, worum es in der Eucharistie geht. Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi, besser bekannt als Fronleichnam, greift genau diesen Gedanken auf und lädt dazu ein, neu über das Geheimnis der Gegenwart Christi nachzudenken.

Seinen Ursprung hat das Fest in enger Verbindung mit dem Gründonnerstag. An diesem Abend feierte Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl und schenkte damit der Kirche die Eucharistie. Dort sprach er die Worte: „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“. Die Kirche glaubt seit ihren Anfängen, dass Christus in der Eucharistie nicht nur symbolisch, sondern wirklich gegenwärtig ist.

Der Gründonnerstag selbst liegt allerdings bereits im Schatten des Leidens und Sterbens Jesu. Die stille und ernste Atmosphäre der Karwoche lässt somit keine besondere Entfaltung der Freude über das Geschenk der Eucharistie zu. Deshalb wurde im 13. Jahrhundert ein eigenes Fest eingeführt. Es wird zehn Tage nach Pfingsten gefeiert, also neun Wochen nach dem Gründonnerstag.

Fronleichnam ist damit ein Fest der Dankbarkeit. Die Kirche richtet den Blick auf das Herz ihres Glaubens. In der Eucharistie schenkt Christus sich selbst. Er bleibt nicht fern, er kommt den Menschen nahe. Das Brot auf dem Altar verweist dabei nicht nur auf Jesus. Es ist nach katholischem Glauben seine wirkliche Gegenwart mitten unter uns. Wer die Eucharistie versteht, versteht deshalb auch etwas vom Wesen Gottes: Er ist kein Gott auf Distanz, sondern ein Gott, der Gemeinschaft sucht.

Seid, was ihr seht

Der Satz des Augustinus klingt zunächst rätselhaft. Wie kann ein Mensch werden, was er empfängt?

Die Antwort liegt in einem Gedanken, der für den christlichen Glauben zentral ist. Die Eucharistie ist nicht nur etwas, das man erhält. Sie will den Menschen verwandeln. Wer Christus empfängt, soll Christus ähnlicher werden.

Viele Menschen erleben den Glauben heute als etwas sehr Privates. Er wird leicht zu einer persönlichen Überzeugung, die mit dem Alltag wenig zu tun hat. Die Eucharistie stellt diese Sichtweise in Frage. Sie erinnerte daran, dass Christsein immer Beziehung bedeutet. Beziehung zu Gott und Beziehung zu anderen Menschen.

Wenn die Kirche vom „Leib Christi“ spricht, meint sie deshalb nicht nur die Hostie auf dem Altar. Sie meint auch die Gemeinschaft der Glaubenden. So ist mit der Kommunion auch immer die Communio (Gemeinschaft) gemeint. Paulus schreibt dementsprechend, dass viele Glieder einen Leib bilden. Niemand glaubt allein. Niemand wird allein gerettet. Der Glaube verbindet Menschen miteinander.

Augustinus macht daraus eine überraschende Folgerung: Wenn du den Leib Christi Empfängst, dann sollst du selbst Teil dieses Leibes sein. Die Eucharistie will Menschen nicht nur trösten oder stärken. Sie will sie auch und gerade zu lebendigen Zeugen Christi machen.

Werdet, was ihr empfangt

Das ist vielleicht die größte Herausforderung. Wer die Eucharistie empfängt, nimmt nicht einfach eine religiöse Handlung vor. Er lässt sich auf einen Weg ein.

Christus schenkt sich ohne Vorbehalt. Daraus entsteht die Frage, wie wir selbst leben. Wo versöhne ich, statt zu spalten? Wo höre ich zu, statt vorschnell zu urteilen? Wo schenke ich Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe?

Die Eucharistie ist kein Preis für besonders gute Christen und ihre Leistungen. Sie ist Nahrung für Menschen, die unterwegs sind, die suchen, zweifeln, scheitern und neu anfangen. Gerade deshalb kann sie auch für glaubensferne Menschen eine überraschende Einladung sein. Sie erinnert daran, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung abhängt. Gott schenkt sich zuerst. Alles andere folgt daraus.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Botschaft von Fronleichnam. Gott möchte nicht nur angebetet werden. Er möchte das Leben der Menschen berühren und verwandeln. Die Eucharistie ist Ausdruck dieses Wunsches, dieser Nähe.

Wer sich auf dieses Geheimnis einlässt, entdeckt nach und nach, das Christsein mehr ist als das Fürwahrhalten von Glaubenssätzen. Es bedeutet, Christus Raum zu geben, damit sein Denken, sein Fühlen und sein Handeln im eigenen Leben sichtbar werden.

Am Ende führt uns Augustinus zu einer einfachen, aber tiefen Einsicht: Wer Christus empfängt, soll lernen, für andere das zu werden, was Christus für ihn geworden ist – ein Zeichen der Gegenwart Gottes in der Welt.