Orientierung in unruhigen Zeiten

Gedanken zum Evangelium Mt 9,36-10,8

Woran können wir uns noch orientieren, wenn scheinbar alles diskutiert wird. Viele Menschen suchen heute Halt, Sinn und eine verlässliche Richtung für ihr Leben. Das Evangelium von den „Schafen ohne Hirten“ beschreibt überraschend genau diese Erfahrung. Doch Jesus bleibt nicht bei der Diagnose. Er zeigt einen Weg, der Orientierung gibt und jedem Menschen zur eigenen Aufgabe und Berufung führt. Was das für unser Leben heute bedeutet und warum die Botschaft dieses Evangeliums aktuell ist, darum geht es in diesem Beitrag.

Schafe ohne Hirten

Manchmal wirkt unsere Gesellschaft wie ein großes Gespräch, indem alle gleichzeitig und durcheinanderreden und kaum noch jemand zuhört. Überall gibt es Meinungen, Forderungen und Versprechen. Doch vielen Menschen fällt es immer schwerer zu erkennen, woran sie sich eigentlich orientieren sollen.

Die einen Fragen sich, welche politischen Ideen wirklich tragen. Andere sind unsicher, welche Werte sie zum Beispiel Ihren Kindern mitgeben sollen. Wieder andere suchen einfach Sinn und Halt, nachdem alte Gewissheiten zerbrochen sind. Viele Menschen spüren, dass sie materiell oft deutlich bessergestellt sind als frühere Generationen, innerlich aber fühlen sie sich leer, ausgebrannt und unsicher.

Genau in eine solche Situation spricht das Evangelium Über die große Ernte, Die Wahl der Zwölf und Die Aussendung der zwölf Jünger in Matthäus 9,36-10,8. (1)

Als Jesus die Menschen sieht, beschreibt Matthäus sie als „Schafe, die keinen Hirten haben“. Das ist keine Beleidigung. Es ist eine Diagnose. Jesus erkennt Menschen, die Orientierung suchen, die unterwegs sind, aber nicht genau wissen, wohin.

Sein erster Impuls ist bemerkenswert. Er verurteilt niemandem. Er macht sich nicht über die Verwirrung der Menschen lustig. Er hat Mitleid mit ihnen. Er sieht Ihre Sehnsucht nach einem Leben, das auf einem festen Fundament steht.

Dann spricht er von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern. Die Welt ist für Jesus also kein hoffnungsloser Ort, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint. Sie ist voller Menschen, die nach Wahrheit, Hoffnung und Sinn suchen. Deshalb beruft er die zwölf Apostel und sendet sie aus. Sie sollen verkünden, dass das Reich Gottes nahe ist. Sie sollen heilen, befreien und den Menschen zeigen, dass Gott bei ihnen ist.

Am Ende steht ein Satz, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Der Glaube beginnt also nicht mit Leistung. Er ist zunächst einmal ein Geschenk und wer damit von Gott beschenkt ist, kann selbst zu einem Geschenk für andere werden.

Die große Suche unserer Zeit

Viele Menschen erleben heute eine Orientierungslosigkeit, die sich nicht immer sofort zeigt. Oft steckt sie hinter ganz alltäglichen Fragen, wie:

  • Welche Nachrichten kann ich noch glauben?
  • Welche politischen Stimmen wollen wirklich das Gute und welche lediglich Aufmerksamkeit?
  • Welche Vorstellungen von Liebe, Familie und Zusammenleben tragen auf Dauer?
  • Was gibt meinem Leben Sinn?

Auch religiös suchen viele Menschen. Manche haben die Kirche verlassen, weil sie enttäuscht wurden. Andere können mit dem Glauben wenig anfangen und spüren dennoch, das Ihnen etwas fehlt. Wieder andere sehnen sich nach einer Wahrheit, die größer ist als die Schlagzeile des Tages oder eine Reißerischer Post in einem sozialen Netzwerk.

Unsere Zeit bietet unzählige Möglichkeiten, aber oft nur wenig Orientierung. Fast jede Überzeugung wird hinterfragt. Fast jede Gewissheit scheint verhandelbar geworden zu sein. Das schafft eine Freiheit, die wie Willkür wirkt und dies kann stark verunsichern.

Jesus bietet mehr als eine Meinung

Genau hier liegt die Aktualität des Evangeliums. Jesus kommt nicht als Anbieter einer weiteren Meinung auf den großen Markt der Weltanschauungen. Er kommt als jemand, der Mensch in eine Richtung zeigen und anbieten möchte.

Er sagt nicht: Such dir irgendeinen Weg aus. Er sagt auch nicht: Du musst alles allein herausfinden.

Er lädt dazu ein, ihm zu vertrauen.

Das bedeutet nicht, das alle Fragen sofort beantwortet werden und verschwinden. Es bedeutet, einen festen Bezugspunkt zu haben. Christen glauben, dass Wahrheit nicht zuerst eine Idee ist, sondern eine Person. Deshalb beginnt Orientierung nicht mit einer politischen Partei, einer gesellschaftlichen Bewegung oder einem Trend. Sie beginnt mit der Frage: Was würde Christus dazu sagen?

Auch Du bist gesandt

In einer Zeit voller Unsicherheiten braucht die Welt Menschen, die Hoffnung ausstrahlen. Menschen, die nicht jeden Trend mitmachen müssen. Menschen, die zuhören können. Menschen, die ihren Glauben nicht als Waffe benutzen, sondern als Hilfe. 

In diesem Sinne verstehe ich die zwölf Apostel, die ausgesendet werden. Sie waren Menschen mit Fehlern, Zweifeln und Schwächen. Und doch vertraute Jesus ihnen diese Aufgabe an, nicht weil sie perfekt waren, sondern weil sie aufrichtig suchen und glauben.

Dies gilt auch heute und vielleicht besteht Deine Berufung darin, so deinen Glauben zu leben. Dort, wo du lebst. In deiner Familie. In deinem Freundeskreis. An deinem Arbeitsplatz. Vielleicht auch in deiner Gemeinde. So ist jeder Christ berufen, etwas von der Gegenwart Gottes sichtbar zu machen.

Der Blick, der alles verändert.

Das Evangelium beginnt mit dem Blick Jesu auf die Menschen. Das ist sicher kein Zufall, denn bevor Jesus jemanden sendet, sieht er ihn an. Auch Dich, mit deinen Fragen, Unsicherheiten und deiner Suche nach Orientierung.

Die Welt unserer Tage wirkt oft laut, hektisch und voller Widersprüche. Umso wichtiger ist die Erinnerung daran, dass der christliche Glaube nicht zuerst aus Antworten besteht. Er besteht zuerst aus einer Begegnung.

Wer sich von Christus anschauen lässt, entdeckt nach und nach, das Orientierung eben mehr ist als die richtige Meinung zu haben. Orientierung entsteht dort, wo ein Mensch lernt, seinem Leben eine Richtung zu geben.

Diese Richtung hat einen Namen: Jesus Christus.

Fußnoten

(1) Vollständiger Text der angegebenen Textstelle in der Bibel auf der Homepage der Erzabtei Beuron, abrufbar unter https://schott.erzabtei-beuron.de/jk11/SonntagA.htm?datum=2026-06-14&r=1 (letzter Aufruf vom 11. Juni 2026)

Bildquelle

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay, abrufbar unter https://pixabay.com/de/photos/entscheidungen-richtig-falsch-2709668/ (letzter Aufruf vom 11. Juni 2026)