Antisemitismus ist politisch wandlungsfähig. Er tritt nicht immer mit denselben Begriffen auf, erzählt unterschiedliche Geschichten über seine vermeintlichen Gegner und passt sich dem jeweiligen Milieu an. Im rechten Spektrum verbindet er sich häufig mit Völkischem denken, Verschwörungen Theorien und einer Relativierung der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit. In Teilen der politischen Linken erscheint er vor allem als radikaler Antizionismus. Israel wird dort nicht wegen konkreter Entscheidungen seiner Regierung kritisiert, sondern grundsätzlich delegitimiert.

Wer diese Unterschiede benennt, verharmlost nicht. Im Gegenteil: eine präzise Kritik muss unterscheiden können. Denn die herausragenden Parteien dieser beiden politischen Spektren, die Alternative für Deutschland (AfD) und Die Linke, sind weder politisch noch hinsichtlich ihrer antisemitischen Belastungen einfach gleichzusetzen. Doch aus der fehlenden Gleichheit lässt sich nicht begründen, bei einer der beiden Parteien wegzusehen. Antisemitismus bleibt Antisemitismus, auch wenn er sich jeweils anders tarnt.

Die AfD und der Antisemitismus der Chiffren

Bei der Partei Alternative für Deutschland reicht es nicht aus, nur nach offen judenfeindlichen Aussagen zu suchen. Der heutige Antisemitismus arbeitet häufig mit Andeutungen, historischen Codes und scheinbar unverfänglichen Begriffen. Die Amadeu Antonio Stiftung beschreibt solche Codes. Für sich genommen ist nicht jeder verwendete Begriff antisemitisch. Entscheidend sind Zusammenhang, geschichtlicher Hintergrund und die damit verbundene Erzählung. (1)

Genau an diesem Punkt wird die Sprache von AfD-Funktionären problematisch. In einer Auswertung des Gutachtens des Bundesamtes für Verfassungsschutz berichtete der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) im Mai 2025, der Verfassungsschutz erkenne in Äußerungen von Beatrix von Storch über die „globale Finanzindustrie“ antisemitische Chiffren. Andere im Gutachten dokumentierte Aussagen beträfen antisemitische Äußerungen oder die Verharmlosung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Der Berliner AfD-Abgeordnete Gunnar Lindemann soll nach Einschätzung des Verfassungsschutzes die Judenverfolgung banalisiert haben. (2)

Das sind nicht bloß unglückliche Formulierungen aus einem überhitzten politischen Streit. Sie stehen in einem größeren Zusammenhang. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) berichtete über die Auswertung öffentlicher Äußerungen von 353 Personen aus dem Umfeld der AfD. Neben Parteiprogrammen und Grundsatzpapieren wurden Reden, Internetseiten und Beiträge in sozialen Netzwerken berücksichtigt. Das Gutachten sieht demnach bei einzelnen Vertretern der früheren Jungen Alternative fremdenfeindliche, minderheitenfeindliche und antisemitische Grundstrukturen. Im Mittelpunkt der Gesamtbewertung steht vor allem eine eigene Definition eines ethnisch bestimmten Volksbegriffes. Doch gerade diese Vorstellung einer angeblich homogenen Gemeinschaft schafft den ideologischen Raum, in dem Minderheiten als fremd oder bedrohlich markiert werden können. (3)

Hinzu kommt der Umgang mit der deutschen Geschichte. Nach einer von der Jüdischen Allgemeinen (Zeitung) wiedergegebenen Analyse der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus speist sich der regelmäßig festgestellte Antisemitismus der AfD und ihrem Umfeld unter anderem aus einem nationalkonservativen Geschichtsbild. Genannt werden die Herabsetzung der Erinnerung an die Schoah als „Schuldkult“ und Vergleiche zwischen kritisierten AfD-Mitgliedern und verfolgten Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft. Solche Vergleiche verkehren die historischen Rollen und instrumentalisieren die Judenverfolgung für die eigene politische Selbstdarstellung. (4)

Daran ändert auch demonstrative Solidarität mit Israel nichts. Wer Israel unterstützt, kann sich dadurch nicht selbst von jedem Antisemitismusverdacht freisprechen. Solidarität mit dem Staat Israel wird unglaubwürdig, wenn zugleich geschichtsrevisionistische Deutungen, antisemitische Chiffren oder Verschwörungstheorien verbreitet werden. Sie darf auch nicht dazu dienen, Antisemitismus ausschließlich bei Muslimen oder politischen Gegnern zu suchen.

Die Befunde zur AfD betreffen verschiedene Ebenen: Bundestags- und Landtagsabgeordnete, frühere Strukturen der Jungen Alternative, Parteiverlautbarungen und das politische Umfeld. Nicht jedes Mitglied vertritt deshalb antisemitische Ansichten. Die pauschale Zuschreibung wäre unredlich. Ebenso unredlich wäre es jedoch, die dokumentierten Äußerungen zu einer zufälligen Sammlung isolierter Ausrutscher zu erklären. Dafür sind die Muster zu ähnlich und die betroffenen Parteiebenen zu zahlreich.

Wenn Antizionismus zur Delegitimierung wird

In Teilen der Partei Die Linke zeigt sich ein anderes Bild. Hier steht nicht das völkische Denken im Vordergrund, sondern ein auf den Staat Israel bezogener Antisemitismus. Sein Ausgangspunkt ist häufig eine Sprache, die sich auf Menschenrechte, Antikolonialismus und Solidarität beruft. Das macht sie allerdings nicht automatisch antisemitisch. Kritik an israelischer Regierungspolitik, am militärischen Vorgehen im Gazastreifen oder an der Besatzungspolitik ist legitim. Kein Staat und keine Regierung stehen außerhalb politischer Kritik.

Die Grenze wird allerdings überschritten, wenn Israel nicht mehr als konkreter Staat mit einer kritisierbaren Regierung behandelt, sondern sein Bestehen als jüdisch geprägter Staat grundsätzlich bestritten wird. Aus Regierungskritik wird dann Delegitimierung. Aus einer Auseinandersetzung mit politischen Entscheidungen wird eine Anklage gegen den Zionismus und damit gegen das jüdische Selbstbestimmungsrecht.

Ein Beschluss der Jugendorganisation Linksjugend ´solid zeigte dieses Problem besonders deutlich. Nach einer Recherche des RBB bezeichnete die Resolution Israel als „koloniales und rassistisches Staatsprojekt“ und stellte sein Existenzrecht in Frage. Rund 70 Prozent der Delegierten sollen der Erklärung zugestimmt haben. Der RBB dokumentierte zugleich Drohungen gegen Mitglieder des Jugendverbandes, die eine pro- israelische Position vertraten. Auch ein Magdeburger Ableger der Linksjugend hatte zu einer Kundgebung gegen den als „Zionisten“ angegriffenen Linken-Politiker Bodo Ramelow aufgerufen. (5)

Das Problem liegt nicht allein in scharfen Worten gegenüber Israel. Es liegt in einer politischen Eindeutigkeit, die das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 relativiert oder ausblendet, während Israel zum alleinigen Täter erklärt wird. Der RBB berichtete aus dem Umfeld einer Demonstration von Äußerungen, in denen selbst die Mittel des 7. Oktober nicht verurteilt wurden. Die Parteiführung erklärte hingegen, ihre Abgrenzung von der Hamas sei eindeutig und betonte, Antisemitismus werde nicht hingenommen. Der Widerspruch zwischen diesem Anspruch und den Vorgängen in Teilen des Umfelds der Linksjugend lässt sich damit jedoch nicht erledigen. (5)

Eine wissenschaftliche Auswertung auf Grundlage der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 stützt den Befund, das Antisemitismus auch in linken Milieus vorkommt. Die Autoren unterscheiden mehrere Formen antisemitischer Ressentiments. Die Studie belegt keine antisemitische Haltung der Linkspartei als Ganzes. Sie widerlegt aber die unbequeme Vorstellung, Antisemitismus sei ausschließlich ein Problem der politischen Rechten. (6)

Der niedersächsische Parteitagsbeschluss war mehr als ein Sprachfehler

Im März 2026 beschloss die niedersächsische Linke, den „heute real existierenden Zionismus“ abzulehnen. Der Beschlussverband diese Ablehnung mit den Vorwürfen von „Genozid“ und „Apartheid“. Der Landesvorsitzende erklärte anschließend, gemeint seien konkrete politische Entwicklungen und nicht der Zionismus als solcher. Der niedersächsische Antisemitismusbeauftragte wertete den Beschluss hingegen als Absage an das Existenzrecht Israels. (7)

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, reagierte scharf. Er bezeichnete die demonstrative Ablehnung des jüdischen Staates als Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes. (8)

Der Landesverband korrigierte seinen Kurs wenige Tage später. Er räumte ein, den Schutz jüdischen Lebens und die Kritik an israelischer Politik nicht klar genug voneinander getrennt zu haben. Die Bundespartei distanzierte sich von dem Beschluss. Der Landesvorstand bekannte sich ausdrücklich zum Existenzrecht Israels und kündigte Gespräche mit jüdischen Organisationen an. Diese Reaktion unterscheidet sich von einem sturen Leugnen des Problems. Sie machte den ursprünglichen Beschluss aber nicht harmlos. Selbstkritik ist sinnvoll, wenn aus ihr heraus eine klarere politische Grenze gezogen wird. (9)

Keine Gleichsetzung, keine Ausflüchte

Die Beleglage bei AfD und Linker ist unterschiedlich. Bei der AfD reichen die dokumentierten Muster stärker in die Partei und ihre frühere Jugendorganisation hinein. Sie verbinden ein eigenes ethnisches Volksverständnis, geschichtsrevisionistische Vorstellungen und verschwörungsideologische Chiffren. Bei der Linken konzentrieren sich die vorliegenden Belege vor allem auf Teile der Linksjugend, einzelne Landesverbände und Gruppen im Umfeld der Partei. Dort tritt Antisemitismus häufig als radikaler Antizionismus auf.

Diese Unterschiede müssen an- und ausgesprochen werden. Wer sie verschweigt, ersetzt Analyse durch politische Gleichmacherei. Die AfD kann antisemitische Erzählungen nicht mit einem Bekenntnis zu Israel neutralisieren. Die Linke kann israelbezogenen Antisemitismus nicht dadurch entschuldigen, dass sie ihre Sprache in Begriffe wie Antikolonialismus, Menschenrechte oder Solidarität kleidet.

Antisemitismus erkennt man nicht am Parteibuch seiner Urheber. Er zeigt sich dort, wo Juden zum verborgenen Gegner erklärt, die nationalsozialistische Verfolgung relativiert, der Terror gegen Israelis gerechtfertigt oder dem jüdischen Volk das Recht auf staatliche Selbstbestimmung abgesprochen wird. Eine demokratische Gesellschaft darf dabei weder nach rechts noch nach links schauen, bevor sie widerspricht.

Quellen:

(1) Amadeu Antonio Stiftung: „Antisemitismus und Verschwörungstheorien“, abrufbar unter https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/antisemitismus/ (letzter Aufruf vom 22. September 2026, hier finden sich auch weitere Beiträge der Stiftung zum Themenbereich.

(2) Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB): „Was im AfD-Gutachten des Verfassungsschutzes über Berlin steht“, 14. Mai 2025, abrufbar unter https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2025/05/berlin-afd-verfassungsschutz-gutachten.html(letzter Aufruf vom 22. September 2026)

(3) Norddeutscher Rundfunk (NDR): Das steht im Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD SH“, 16. Mai 2025, abrufbar unter https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Das-steht-im-Verfassungsschutz-Gutachten-zur-AfD-SH,afd3474.html (letzter Aufruf vom 22. September 2026)

(4) Jüdische Allgemeine: „RIAS: AfD ist eine Gefahr für Juden in Deutschland“, 11. Dezember 2024, abrufbar unter https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/rias-afd-ist-eine-gefahr-fuer-juden-in-deutschland/ (letzter Aufruf vom 22. September 2026)

(5) RBB Kontraste: „Hat die Linkspartei ein Antisemitismus-Problem?“, 27. November 2025, abrufbar unter https://www.ardmediathek.de/video/kontraste/hat-die-linkspartei-ein-antisemitismus-problem/rbb/Y3JpZDovL3JiYl8yNjMyYzdmYi04M2JlLTQyZjQtODVhMy1jNTFjOWQ3MmIxNTVfcHVibGljYXRpb24(letzter Aufruf vom 22. September 2026)

(6) Oliver Decker, Nina Heinke und Elmar Bräher: „Das Aufbrechen des Antisemitismus in linken Milieus nach dem 07.10.2023“, 7. Oktober 2025, abrufbar unter https://link.springer.com/article/10.1007/s41682-025-00222-w (letzter Aufruf vom 22. September 2026

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