Gedanken zum Evangelium Mt 10,26-33

Manchmal braucht es gar keine offene Feindschaft, damit wir schweigen. Ein spöttischer Blick, ein Kommentar, die Angst, nicht mehr dazuzugehören, reichen oft schon aus. Genau hier setzt Jesus an. Er spricht nicht von einem bequemen Glauben, sondern von einer Freiheit, die stärker ist als die Meinung anderer. Genau davon spricht das Evangelium Über die Gefährdung und Ermutigung der Jünger in Matthäus 10,26-33. (1)
Ein hartes Wort, das freimachen will
Jesus spricht in diesem Evangelium nicht zu Menschen, die es bequem haben. Er spricht zu seinen Aposteln, die bald erleben werden, dass der Glaube an ihnen Widerstand auslöst. Wer Christus also folgt, wird nicht immer Zustimmung bekommen. Manchmal wird er belächelt, manchmal ausgegrenzt, manchmal offen bekämpft.
Darum sagt Jesus dreimal: Fürchtet euch nicht. Das ist nicht einfach ein tröstendes Wort. Es ist viel eher ein Auftrag zur Inneren Freiheit. Die jünger sollen nicht davon leben, was andere über sie denken. Sie sollen nicht verschweigen, was sie erkannt haben. Was Jesus im Verborgenen sagt, sollen sie öffentlich bezeugen. Das Evangelium gehört also nicht in eine private Nische. Es will ins Leben, in Sprache, Haltung und Entscheidungen.
Dabei benennt Jesus auch sehr ernstzunehmende Begriffe: Leib, Seele, Hölle, Gottesfurcht. Der Leib ist verletzlich. Menschen können Druck ausüben, Karrieren zerstören, Freundschaften belasten, ja, sogar töten. Aber sie können nicht das Innerste des Menschen besitzen. Die Seele meint diese tiefe Mitte des Menschen, die mehr ist als der Körper und mehr als das Denken. Sie ist quasi der Ort, an dem wir lieben, hoffen, glauben und uns vor Gott verantworten.
Die Höhle ist hier nicht zuerst ein Bild für Feuer, sondern der Zustand, in dem Liebe nicht vorkommt. Ein Leben, dass sich von Gott, der ja die Liebe und Barmherzigkeit und somit auch die Wahrheit ist, trennt, wird kalt. Gottesfurcht heißt nicht, vor Gott zu zittern wie vor einem Gegner oder sogar einem Feind. Sie bedeutet vielmehr, zu wissen, dass ich selbst nicht der Mittelpunkt der Welt bin. Es gibt einen größeren, der alles, letztlich auch mich, ins Dasein gerufen hat. Ihm bin ich verpflichtet.
Der Spatz und der Mensch
Dann überrascht Jesus. Er spricht von Spatzen. Kleine, In großer Anzahl vorkommende Tiere, kaum beachtenswert. Doch keiner fällt aus Gottes Blick heraus. Wenn schon ein Spatz nicht vergessen ist, wieviel weniger dann der Mensch? Sogar die Haare auf dem Kopf sind gezählt. Das heißt nicht, dass Gott uns jedes Leid erspart. Es bedeutet viel eher, dass kein Mensch namenlos ist. Kein Leben ist wertlos und kein Schmerz fällt aus Gottes Aufmerksamkeit heraus.
Die Angst vor den anderen
Zu den sicher größten Ängsten unserer Zeit gehört die Frage: „was denken die anderen über mich?“ Nicht nur in der Schule oder im Studium, auch im Beruf, in der Freizeit, im Freundeskreis, in der Familie und in sozialen Medien. Viele Leben so, als es sind ständig unsichtbare Zuschauer im Raum. Man überlegt, was man sagen darf. Was peinlich wirkt und den eigenen Ruf beschädigt. Was gut ankommt und wie man sich vermeintlich richtig verhält.
Auch der Glaube gerät so unter Druck. Man muss nicht verfolgt werden, um zu schweigen. Oft reicht schon ein schiefer Blick oder ein spöttischer Satz. Die Sorge, für naiv gehalten zu werden, für rückständig, für zu gläubig oder zu kirchlich.
Jesus nimmt diese Angst nicht. Er weiß, dass Menschen verletzen können. Aber er macht folgendes deutlich: Gib anderen Menschen nicht die Macht über deine Seele! Lass nicht zu, das fremde Meinungen darüber entscheiden, ob du zu dem stehst, was dir heilig ist.
Bekenntnis beginnt leise
Sich zu Christus zu bekennen, bedeutet nicht, ständig in irgendwelchen Unterhaltungen fromme Sätze einzustreuen. Es bedeutet auch nicht, laut aufzutreten und andere in Glaubensfragen zu bekennen. Das Bekenntnis zu Jesus kommt oft leise und tritt eher dezent auf.
Es beginnt, wenn ich nicht mitmache, wo jemand verächtlich gemacht wird. Bin ich ehrlich bleibe, obwohl eine Lüge leichter wäre. Wenn ich sonntags zur heiligen Messe gehe, auch wenn andere das merkwürdig finden. Wenn ich zu meinem Glauben stehe, der nicht perfekt ist und auch nicht ohne Fragen, aber aufrichtig und echt.
Gerade für junge Menschen kann das besonders schwer sein. Wer dazugehören will, spürt oft einen starken Druck. Aber gerade hier wird der Glaube erwachsen. Nicht dort, wo alle klatschen. Sondern dort, wo ich merke: Ich darf anders sein, weil ich vor Gott stehe.
Frei werden von Applaus
Jesus macht uns nicht hart. Er macht uns frei. Frei von der Sucht nach Zustimmung. Frei von der Angst, ständig bewertet zu werden. Frei von dem Zwang, mich dauernd erklären und rechtfertigen zu müssen.
Diese Freiheit wächst nicht über Nacht. Sie wächst im Nachdenken über Gott, im Gebet, in der Feier der Eucharistie, im ehrlichen Gespräch, in kleineren oder größeren mutigen Entscheidungen, die dann in einen Satz münden wie: „Herr, ich habe Angst. … Aber ich will mich nicht von ihr führen lassen.“
Vielleicht braucht es genau das in unserer Zeit, nämlich Menschen, die nicht laut sein müssen, aber klar sind. Menschen, die nicht gegen andere glauben, sondern für und mit Christus. Menschen, die wissen: ich bin mehr wert als viele Spatzen, also muss ich nicht kleiner leben, als Gott mich gemacht hat.
Fußnoten:
(1) Der vollständige Text der angegebenen Textstelle in der Bibel ist auf der Homepage der Erzabtei Beuron unter https://schott.erzabtei-beuron.de/jk12/SonntagA.htm?datum=2026-06-21&r=1 abrufbar (letzter Aufruf vom 17. Juni 2026).
Bildquelle:
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